„Dünnes Eis“ von Ulrich Zehfuß

Ein Album, was ich derzeit hoch und runter höre. Ein paar Gedanken dazu.

Ein Mann steht am Ufer eines zugefrorenen Sees und beobachtet seinen Sohn beim Schlittern übers Eis. Seine Gedanken schweifen in die Vergangenheit, er sieht sich als Kind da draußen. In seiner Stimme spürt man den weißen Hauch vor dem Gesicht, in der Musik die Kälte des frühen Winters. Und man glaubt, das alles selbst zu sehen, zu erleben, selbst über das Eis zu gleiten, bis die Kälte einen aus der warmen Erinnerung reißt. Ulrich Zehfuß schafft es mit wenigen Textzeilen, dass man selbst zum Protagonisten wird, alles aus eigener Sichtweise erlebt. Dichte Worte, die einem im Kopf kreisen, gleich noch einmal hören.

Intime und doch allumfassende Erfahrungen im Kleinen und unendlich Großen, man treibt zwischen Erde und All, Realität und Traum, Tag und Nacht. Unaufhaltsam verfolgen einen der Drive und die Akkorde von „Die gleiche Nacht“. Bei der musikalischen Wendung zum „Vielleicht“ kommt keine Wehmut auf, eher verspürt man einen gewissen, sanften Druck, die Kleinigkeiten des Lebens zu genießen, solange man das kann. Es ist so, als kenne man das Lied schon immer. Vermutlich, weil man die Endlichkeit seines Daseins schon immer kannte, diese aber immer erfolgreich verdrängt. Nach und beim Hören dieses Liedes kann man sich ihr für ein paar Momente nicht mehr verschließen. Wirken lassen, am besten die anderen Lieder ein anderes Mal hören. Wir gehen alle durch die gleiche Nacht. Endgültig. Aber auch irgendwie beruhigend.

Ambivalente Gefühle bewirkt bei mir „Kleingelebt“. Je nach eigener Stimmung frag ich mich, ob das jetzt etwas ist, was das lyrisch Ich hier bedauert, beklagt oder einfach nur feststellt. Ich sehe mein Leben, was ICH geschafft und erlebt habe, ständig vergleiche ich, hinterfrage meinen eigenen Werdegang. Ich weiß von dem „verhinderten Bio-Bauern“- was ist aus ihm geworden? Waren die Träume von Kanada wirklich nur solche? Was ist noch dran am „Zuhause bin ich, wohin ich geh“ (ein früheres Lied des Künstlers, das mich über Jahre geprägt und begleitet hat)? Wie viel von der Person, die ich seit Jahren kenne, steckt in dem Sänger dieses Liedes? Ach, wüsste ich doch weniger!

Ach, da ist dann noch dieses gefühlte Flötensolo in „Der Morgen“, das die einsame Grundstimmung  musikalisch vordergründig etwas auflockert, bei mehrmaligem Hören jedoch verstärkt, gerade durch den Kontrast. Will nicht sagen, dass ich es vermiss, will nur sagen, dass da keines ist. 😉

Auf diesem Album beschreiben Worte und Musik ebenso kaltrauchige, traditionelle Herbstarbeiten mit einer Intensität, dass einem selbst die Hände erstarren, als auch stillzarte Momente voller Herzschlagwärme zur Schlafenszeit. Aktuelle Probleme, wie die Flüchtlingsproblematik oder das (mangelnde) Nachbarschaftsbewusstsein, kommen ohne Besserwisserei oder Lösungsvorschläge aus, eine besondere Sichtweise lässt dem Zuhörer genug Raum für eigene Gedanken.

Die Lieder von Ulrich Zehfuß sind ganz große Kunst des Liedermachens. Das sind Lieder, da hört man zu. Da will man keinen Atemhauch verpassen, kein einziges Wort, keinen Ton. Es entstehen Bilder, die jeder kennt, so oder ähnlich selbst einmal erlebt hat und jetzt, mit diesem Lied, kommen sie wieder in Erinnerung. Und doch bleibt alles individuell, persönlich. Manche Wendungen sind so passend formuliert, man kann sie sich gar nicht mehr anders formuliert vorstellen („Wasser schwappt aus dem Angelloch“). Das ist Luftaufsichtsbarackenniveau.

Die Lobeshymne für eine bestimmte Stadt ist sicherlich bei Lokalkonzerten ein schöner Mitsinger und lockert mit seiner südamerikanischen Leichtigkeit die sonstige Bedeutungsschwere anderer Lieder des Albums auf. Highlights sind für mich aber die schon erwähnten „Die gleiche Nacht“, „Spargelfeuer“ (dieses Western-Feeling!) und das sensible „Dünnes Eis“.

Einziger Kritikpunkt für mich, der ich das Album von Amazon gezogen habe (kein Versand nach Ägypten): Gerne hätte ich nachgelesen, welches Instrument ich denn da oder dort gehört habe, wie die musikalische Besetzung bei dem oder dem Lied ist. Klar, dadurch musste ich genauer hinhören, was den Gesamteindruck sicher eher verstärkt hat, aber trotzdem: Ein digitales Booklet wäre schön gewesen. Auch zum Nachlesen der tollen Texte.

Natürlich wird die CD auch noch besorgt, vielleicht bei einem Konzert, mit Signum.

 

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