Danke, Millennium Falcon!

Korea 2015/16 -2-

Wer ihn schon einmal hatte, kann annähernd verstehen, was ich seit 2 Jahren durchmache: den realen Traum. Der Traum, der so real ist, dass man nach dem Aufwachen erstmal verwirrt ist und das Gefühl hat, etwas zu beenden oder noch zu sagen. Noch realer. Dass man das Nichtgesagte im Wachzustand weiter spricht und der Traum nicht mit einem Aufschrei beendet ist. Noch realer. Dass man sich mit lang verstorbenen Menschen unterhält und sich fragt, warum man das nicht schon längst gemacht hat und dann sogar Gründe findet. Noch realer. Dass man einen Ort besucht, den man gut kennt, wo es ganz normal ist, nichts Besonderes, nichts Großes. Und wieder fragt man sich, warum man diese Speise, die man so sehr mag, so lange nicht gegessen hat. Nur schnell hinfahren und dieses Mulnengmyeon endlich essen! Man hat den Geschmack auf der Zunge und man ist sich traumhaft sicher, dass das kein Traum sein kann. Denn der Geschmack ist echt und man findet Gründe, nachvollziehbare Gründe, warum es bisher nicht geklappt hat. Und man nimmt sich vor, das so schnell wie möglich zu wiederholen. Man lebt den Traumfilm weiter und es gibt weitaus Wichtigeres im Drehbuch, die Storyline geht weiter. Und am nächsten Morgen realisiert man, wo man ist und dass man wieder diesen Traumhunger hat.

Da sitze ich am Tisch und muss mich davon überzeugen, dass ich jetzt WIRKLICH Mulnengmyeon vor mir habe! „Mulnengmyeon hana, yuksu mani, gojujang pego, tschusseo!“ – obwohl die Bestellung gar nicht nötig ist, die Frau am Thresen hat mich, auch 2 Jahre nach meinem letzten Besuch, längst erkannt und die Bestellung bereits in die Küche gegeben, bevor ich mit meinen Koreanisch-Kenntnissen prahlen kann. Ich würze es halbscharf. Das ist doppelt so scharf wie mehr als die Hälfte aller scharfen Speisen der deutschen und etwas weniger als drei Viertel der als scharf geltenden Speisen der koreanischen Küche. Dafür ist das Restaurant berühmt und um die Mittagszeit stehen die Leute Schlange, um hier zu essen. Dann geht es aber auch ratzfatz, auf einen meiner Essensgänge kommen 3-4 Koreaner. Ich kenne es seit 10 Jahren und komme um kurz nach 11, bleibe ’ne Stunde. Eine Kollegin, deren Name hier nicht genannt wird und die als Halbkoreanerin scharfe Speisen gewöhnt ist, war damals, als wir hier waren, leicht überfordert. Trotz meiner Warnung bestellte sie die „normale“ Version des Nengmyeons (Buchweizennudeln) mit Gojujang („godjudjang“ – scharfe Chilli-Paste). Nach einer Stunde Vergewisserung, dass es heute echt war, traue ich mich, das Restaurant zu verlassen. Und komme morgen wieder. Oder so.

Das bereits in Kairo schriftlich festgehaltene Tagesziel ist heute ein Spaziergang in Richtung meiner alten Wohnung. 2-3 km werden es sein, hab das nie so genau nachgemessen. Vielleicht weniger. Aber bergauf. Es sind Minusgrade, es sollen, laut Wetterbericht, die ersten im Dezember sein. Sie tun mir gut und ich gehe durch einen Teil des Namsan-Parkes, in dem ich noch nie war. Auch hinter meiner alten Wohnung gibt es etwas Neues zu sehen, was ich immer erahnt hatte, aber nie hinkam: ein kleines Tempelchen hinter einer Kirche. Früher stand hier ein Hüttchen einer alten Frau, die sind weg und der Tempel, inklusive Grabsteins, bietet Sitzmöglichkeiten mit Aussicht auf die heute neblige Nordstadt. Auf dem Weg werde ich fast überfahren- von einer im Polizeiauto sitzenden Polizistin! Das wäre ein offizieller Tod! Aber ich gewinne und sie bremst.

Auf, ins Kino! Star Wars 7 wartet im 4DX-Kino auf mich. Vorher noch aufs Klo. Da möchte ich gleich wieder aufspringen, denn es läuft „Last Christmas“ über die Lausprecher! Das erinnert mich an meine lieben koreanischen und deutschen Schüler, die sich damals einen Witz erlaubten und mir damit zu schrecklichen Pausenaufsichten verhalfen. Denen hatte ich aus meiner Studentenzeit erzählt und dass ich das Lied deshalb hasse, weil eine Mitstudentin übers Wochenende ihren CD-Spieler mit diesem Lied in Dauerschleife hatte laufen lassen (sie selbst war nach Hause gefahren) und ich dem erst am nächsten Tag mit dem Entfernen der Flurhauptsicherung ein Ende bereiten konnte. Daraufhin erstellten die lieben Schülerlein eine Zusammenstellung sämtlicher existierender „Last Christmas“-Versionen, die sie finden konnten und legten das in der Weihnachtszeit als Pausenmusik ein. Kein Entrinnen! Nicht alles war damals gut! Böse Schüler!

Im 4DX-Kino erwarten einen 3D, bewegte Stühle, Wasserspritzer und Luftstöße direkt ins Gesicht und regelrechte Windmaschinen, die Stürme oder schnelle Fahrten unterstützen- also das Richtige für „The Force Awakens“. Alles super, tolle Action, Aliens und Lichtschwerter, okay, auch mit Chewie muss man sich wieder abgeben, aber im Großen und Ganzen kurzweilige Unterhaltung. Bis kurz vor Ende der amerikanische Teenager neben mir eine unhör- und -sichtbare Todessternsalve von Krallenfurz rauslässt! Ich denke zunächst an einen Filmeffekt, aber die Heftigkeit reißt mich in die Realität zurück. Kurz vor dem Hochklappen der Augen und dem danach folgenden Stinkkoma erlöst mich der „Millennium Falcon“. Denn der fliegt los und dreht sich mit seinen Antriebsstrahlen dem Publikum zu, das daraufhin mit einem Windstoß bedacht wird- alles weggeblasen, die Krallen des Furzes haben keine Chance gegen die Windkanone. Danke, Millennium Falcon! Mein Leben konntest du heute retten!

Zum Abschluss des Tages lerne ich endlich den Namen meines Friseurs kennen, den ich seit fast 10 Jahren mit „Herr“ anrede: Hong. Mr.Hong, angenehm, Mr.Kay. Er schneidet mein Babyhaar, nach 5 min ist er fertig. Ratzfatz. Nur in Korea: Nackt beim Friseur sitzen und sich mit Rasiermesser und Bindfaden die Haare vom Hals und aus dem Gesicht entfernen lassen. Ich liebe das Djimjilbang!

Essen heute: Mulnengmyeon, Chickenstick, Odeng, Yukgaechang

mulnengmyon15

4 Gedanken zu „Danke, Millennium Falcon!“

  1. Lieber Kay,
    ich lese mit Begeisterung deinen Blog!!! War echt eine tolle Zeit!
    By the way ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass die Schärfe mich leicht überfordert hat
    Wenn du in D bist, essen wir zusammen Mulnengmyeon!

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