Ein neuer Start

Nun hat es also doch noch angefangen, das neue Schuljahr! Eine Woche ist um und ich bin erkältet. Neue Viren, die mein Körper so lange nicht mehr kannte? Immerhin waren es 14 Jahre, die mein Immunsystem im Ausland weilte…

Dass zum neuen Schuljahr alles „smooth“ und geschmeidig abläuft, hatte ich mir zwar gewünscht, aber es kommt ja immer anders…

Wie schön wäre es, als Lehrer nach 14 Jahren Auslandstätigkeit an eine Schule zu kommen, an der man erwünscht und gewollt ist, wo man die Fächer unterrichten kann, die man 14, ja sogar 16 Jahre lang lehrte, wo man mit offenen Armen in den Kreis von Kollegen kommt, die sich vielleicht schon freuen, dass man kommt. Um genau das zu erreichen, reiste ich im Mai von Kairo nach Deutschland, um mich im zuständigen Amt zu bewerben bzw. dort vorstellig zu werden. Dass ich mir nicht jede Schule, die Stellen ausschreibt, ansehen konnte, war ja klar und so also direkt vor Ort. Das Gespräch lief bestens, diverse Zusagen bekam ich an Ort und Stelle. Da ich ja nicht nur simpler Rückkehrer war, sondern auch noch schwerbehindert (3 Abminderungsstunden), sollten mir Steine aus dem Weg geräumt werden, damit der (Wieder-) Einstieg gelinge. Ab 1. August 2016 eine Stelle als Angestellter (Verbeamtung kam aufgrund meiner Krankheit und der damit verbundenen Krankenversicherungsprobleme nicht infrage), keine Schule im nahen Umkreis von 30 km sollte es werden, eine mit Strukturen (erfahrene Schulleitung, ein gutes, funktionierendes Konzept u.ä.), keine 1.Klasse (kaum Erfahrung auf dem Gebiet), noch keine Klassenleitung (sich zurechtfinden sei nach so vielen Jahren schwer genug), Fächer, die meinem Können und meiner Erfahrung gerecht werden, Einstufung nicht als Berufseinsteiger – all das sollte meinen Neustart in Deutschland erleichtern. Die Leute, mit denen ich redete, waren sehr freundlich und ich freute mich schon auf die Schule. Es bliebe nichts mehr zu tun, als abzuwarten, welche Stellenausschreibungen für mich infrage kämen. Ach ja: Die Schule „X“, für die ich dort im Amt offiziell eingeladen war, käme nicht in Betracht, da dieser genau die zuvor genannten Eigenschaften fehlten. Mit einem guten Gefühl flog ich zurück nach Ägypten.

Dann kamen auf einmal nach 1-2 Monaten eigenartige Angebote angeflattert: Gymnasiallehrerstellen, Sekundarschulstellen, Schulen, die fast 200km weit weg waren, Berufsschulen und sowas. Teilweise wurden wohl meine Daten einfach aus einer großen Datenbank entnommen, der Lehrermangel trieb lustige Angebotsblüten. Da wurde nicht geschaut (oder war nicht sichtbar??), wer oder was ich bin, woher ich komme („… sprechen Sie morgen hierundhier vor…“) und welche Art Lehrer ich überhaupt sei. Mag sein, dass das aus der Datenbank nicht ersichtlich war, mag sein, dass von Schulleitungsseite nach jedem Strohhalm gegriffen wurde. Aber war ich nicht genau aus diesem Grunde in der zuständigen Bezirksstelle gewesen? Nun gut, ich schrieb eine Menge Absagen.

Verwundert war ich allerdings dann doch nicht wenig, als solche Fehlstellenangebote von der selbst Behörde kamen! Und es war auf einmal von Vollverbeamtung die Rede, von voller Stundenzahl (behindert!), von zwei verschiedenen Angeboten, eine davon eine Sekundarschule (!) – Wo bitteschön blieb irgendwas vom Maigespräch über? Anrufe wurden getätigt, Einspruch, Bitte um Klarstellung, bearbeitet von der Vertretung der Urlaubsvertretung. Da wurden an den wichtigen Stellen einfach mal keine Informationen ausgetauscht und ICH musste das klarstellen! Da ging Energie und Zeit bei drauf, die man besser woanders investiert hätte. Letztendlich gab es zwei seriöse Angebote (so glaubte ich), Schule „A“ 25km entfernt, Schule „B“ 45km (!!, allerdings lockte diese mit meinem Lieblingsfach Musik). Ich entschied mich für die nähere Schule „A“, weil laut Aussage der Behörde auch dort Musik gesucht würde. Außerdem fand ich deren Schulkonzept klasse, sodass die Entscheidung knapp 51/49 ausging. Ich sagte zu und stellte mich bei der Schule vor.

Der Empfang war freundlich, aber reserviert. Schon in den ersten Minuten wurde klar, welches Spiel hier mit beiden Seiten (der Schule und mir) gespielt wurde. Diese Schule brauchte mich überhaupt nicht! Ausgeschriebene Stellen wurden besetzt, eine andere Schule sollte über Umwege aufgefüllt werden. Und zwar die Schule „X“, um die es im Mai im Amt ging! Ja fein! Ausgetrickst. Wirklich? Nein! WENN etwas klar war von meiner Seite, dann, dass ich NICHT an die Schule „X“ gehöre. Wie die Schule „A“ ausgetrickst wurde, will ich hier gar nicht erzählen, sonst habe ich gleich das erste Personalgespräch am Hacken.

Auf dem Rückweg von der Schule bekam ich meinen ersten Strafzettel (€10 für zu schnelle 8km/h, gelernt: Auch mit dem Motorroller kann man von vorne geblitzt werden!).

So, wie soll das jetzt laufen? Ich malte mir aus, wie ich an eine Arbeitsstelle komme, wo ich ein Dorn, ein Fremdling bin, durch dessen Anwesenheit nur Unmut, Misstrauen und schlechtes Blut aufkommt. Wo man nicht gebraucht wird, anderen Leuten Nachteile entstehen, weil man da ist und wo das Arbeiten zur Hölle wird. So hatte ich mir meine Rückkehr in die Heimat nicht vorgestellt. Ich wollte nur ein ganz normales Leben (das Lied hier). Und einen guten Beginn, einen schönen neuen Start. Was soll’s, abwarten, wie es weitergeht. Aber ganz zurücklehnen konnte ich mich nicht.

Jetzt fehlten Unterlagen. Unterlagen, von denen bisher nie die Rede war und die ich zum größten Teil nicht oder noch nicht hatte. Anträge wurden geschrieben, Geburtsurkunde, Steuernummer und Sozialversicherungsnummer beantragt (die Geburtsurkunde ging bis heute nicht ein). Überall war Urlaub, auch bei mir dann natürlich. Kurzum: Die Sachen waren nicht vollständig und ich konnte nicht pünktlich eingestellt werden. Und als Berufsanfänger würde ich auch eingestuft. Nach knapp 18 Jahren Arbeit in der Schule!

Ich sprach beim Arbeitsamt vor, wo ich gleich wieder abgelehnt wurde, weil ich zwar keinen Vertrag, aber eine Zusage für eine Stelle hatte. Ich ging dem nicht weiter nach, wegen dieser paar Tage wollte ich jetzt keine Kraft mehr auch noch dafür aufwenden.

Dann plötzlich der Anruf aus der Schule: Der Vertrag war da! Es war Freitag, am Samstag war Einschulung, am Montag ging es los.

Der Vertrag war kaum unterschrieben, da kam die Hand über den Tisch gereicht und das „Du“. Von da an war ich tatsächlich „dabei“. Und, was soll ich nach einer Woche sagen? Mir gefällt die Schule sehr, sehr gut! Das Unterrichtskonzept ist für mich neu, aber es kann meins werden! Die Kinder sind sehr selbstständig und die Kollegen überhaupt nicht abweisend oder mir gegenüber negativ eingestellt. Es macht Spaß, dort zu arbeiten, es gibt viel zu lernen und die erste Woche war sehr lehrreich und interessant. Hospitationen waren essenziell. Auch habe ich schon erste Vertretungsstunden gegeben (Musik ;-). Zwar ist der Weg zur Schule durch den Berufsverkehr morgens mühsam, aber er ist ja auch nicht sooo lang. Morgens eine halbe Stunde, je nach Dienstschluss und Strecke 20-30 min zurück.

Ich schwitze. Ich muss das Shirt wechseln. Das wird eine feuchte Nacht. Handtücher und Wechsel-T-Shirts liegen bereit.

Ich freue mich auf den nächsten Arbeitstag, die Kinder, die Kollegen, die Schule. Auf mein neues Leben.