Das Recht der stärkeren (Hupe)

Geschafft, müde, dehydriert, genervt, auf dem Weg zurück zur Wohnung. 10-12 Minuten Konzentration nochmal aufm Roller und dann erstmal halbe Stunde Powernap. So der Plan.

Neue, tiefschwarze Straße, doppelt dreispurig, noch ohne Markierungen oder Schlaglöcher. Prima! Erspart Zeit, noch nicht viele Fahrer sind auf diesen schnelleren Weg aufmerksam geworden. Allerdings muss man auch hier mit dem Schlimmsten rechnen. Als die Straße nur auf einer Seite befestigt war, hatte man regelmäßig Gegenverkehr, aber das war auch verständlich. Gefährlich ist es aber, wenn man, da die Straße jetzt auf beiden Seiten fertig ist, davon ausgeht, dass autofahrende Menschen diese nun auch auf beiden Seiten nutzen. Dass sich Esel daran nicht halten (die Wagen ziehenden und die auf Motorrädern), ist selbstverständlich, daran hat man sich in Ägypten ja gewöhnt. Mit 100 km/h im Verkehrsfluss mitziehend aber plötzlich hinter einer Kuppe einen PKW vor sich zu haben, ist nicht für jedermanns Fahrzeug oder Nerven. Ist mir nicht passiert! Nein. Aber WENN, so hab ich mir geschworen, stelle ich mich vor den Idioten, hup den an, bis er ausweicht. Falls er vorher anhält. Und ich nicht auf ihn draufknalle.

Denke es, fahre über die Kuppe und sehe in ca. 60m tatsächlich einen rotbraunen PKW, der mir schön gemütlich auf meiner linken Straßenseite entgegenrollt. Wohl wissend, dass er der Geisterfahrer auf der falschen Straßenseite ist. An dem U-Turn, von denen es normalerweise zu wenig gibt und die ein Hauptgrund für faule Falschfahrer sind, war ich gerade vorbeigefahren, es gibt an der neuen Straße mehr, der Typ hat also wirklich keinen Grund, auf meiner Seite zu fahren. Ich hupe. Ich lichthupe. Ich hupe und lichthupe. Und fahre, langsamer werdend, auf ihn zu. Und bleibe stehen. Er auch. Ich bin dehydriert, genervt und auf Krawall gebürstet. Ich stehe vor ihm, zeige auf ihn, zeige auf die andere Straßenseite, zeige ihm, er soll gefälligst verschwinden und umdrehen. Er starrt mich an und seine Frau starrt mich auch an. Ich habe Zeit. Und hupe ihn an. Wir stehen uns Gegenüber. Showdown in der Neukairoer Nachmittagssonne. Die Geier kreisen über uns (oder sind es Krähen?). Und ich hupe. Um meine Batterie nicht überzustrapazieren, verfalle ich vom Dauerhupen auf einen beinahe ägyptischen Rhythmus. Ich habe Zeit. Von einem Dach winken mir verstaubte Bauarbeiter zu und fangen an, im Rhythmus meiner Hupe zu tanzen. Ich winke zurück und gebe ihnen den Takt auch per Armbewegung an. Wir haben viel Spaß und ich viel Zeit. Es ist warm und ich rühre mich nicht vom Fleck. Rechts fahren Autos und Motorräder vorbei, am Straßenrand drehen sich arme Mütter mit ihren Kindern zu uns um. In Gedanken höre ich eine Tabla und passe meinen Rhythmus an. Die Bauarbeiter klatschen sich auf die Oberschenkel und beginnen jetzt mit einer Gruppenperformance. Ich beweg mich nicht von der Stelle. Mit Gasgriff und Bremse bringe ich den TGB-Roller zum Tanzen, auf und ab gehen nun die Bewegungen. Die Arbeiter pfeifen vom Dach. Gerade, als ich ein ägyptisches Jubelträllern anstimmen will, bewegt sich der Typ, lenkt ein, tut so, als würde er anfangen zu wenden, nur um dann an mir vorbei zu ziehen, mittlerweile auf Mittel- und rechter Spur. Seine Frau zeigt mir ein „Du-bist-doch-nicht-richtig-in-der-Birne!“-Zeichen. Vielleicht nicht. Aber auf der Straße! Im Gegensatz zu euch, ihr Vollpfosten! Die Bauarbeiter auf dem Dach haben die Zeit ihres Lebens, sie jubeln mir zu und lachen. Ich sehe das als meinen Sieg an! Zwar hat der Idiot nicht gewendet, aber ich musste keinen Meter ausweichen und die Straße vor mir ist frei! Die linke Hand zur Siegerfaust geballt, recke ich sie gen Dach und ziehe triumphierend Richtung Rehab. Durch diesen kurzen Moment des Glückes bin ich plötzlich nicht mehr genervt, nur noch dehydriert und noch ein ganz kleines bisschen müde.