Alles ist getan

Korea 2015/16 -7-

Es gibt sie noch. Die Stop-and-go-Taxifahrer. Sie waren immer alte Männer, vor 10, vor 20 Jahren. Sie geben Gas. Sie bremsen und nehmen den Fuß vom Gas. In rhythmischen Abständen. So, dass man immer vor- und zurückschaukelt. Was ich bisher noch nicht kannte: Wildes Hin- und Herreißen des Lenkrades, zusätzlich. Hätte ich nur ägyptische Taxifahrermusik laut dabei gehabt, hätte ich im Taxi tanzen können. Links, vor, zurück, rechts, vor, links, rechts, zurück, vor, … Das Taxifahren hat eine neue Dimension bekommen. Wenn ich mich recht erinnere, war die Taxi-Grundgebühr im Jahre 2002 1600 Won, 1950 in der Nacht. Ich habe einige Erhöhungen erlebt. Zurzeit sind wir bei 3000 Won Grundgebühr. Es soll noch in diesem Jahr die 4000 fallen.

Glücklicherweise brauchte ich gestern und heute nur wenig Taxigeld ausgeben. Zu Freunden zu fahren, hat nicht nur emotionale Bedeutung. Kostenlose Übernachtung ist bei Freunden selbstverständlich. Und wenn man dann noch ausgeführt wird… Danke, euch da südlich des Flusses! Eine schöne Wanderung und zweimal gutes Essen prägen sich in mein Reiseerlebnis umso mehr ein. Dazu die Gespräche. Neue Erkenntnisse, Hintergrundwissen, tieferes Verständnis.

Wie auch schon tags zuvor. Ehemalige zu treffen, ist immer erfrischend und erkenntnisreich. Seien es Schüler oder Kollegen oder Eltern. Schlimme Dinge, die in der Vergangenheit passierten, bekommen durch viele, verschiedene Sichtweisen einen ganz anderen, komplexeren Zusammenhang. Da ist ein individuelles Schicksal nur ein Teil eines größeren, viel tiefer sitzenden Übels. Menschen, die unter Verruf gerieten, werden rehabilitiert und gleichzeitig für andere Gründe neu verrufen. Und Menschen, die es nicht mehr gibt, kann man auf einmal viel besser verstehen, als man es eigentlich will.
Die Welt ändert sich.

Aus Tätern werden Opfer, aus Opfern Täter, Täter bleiben Täter und machen andere zu Tätern. Und Opfern. Die Welt ist verrückt.

Da hilft es einer (vorzeitigen) Schulabgängerin, ihre Familie durchzubringen, weil sie, da sie an etwas glaubte, mit ihrer Zukunftswahl wohl dann doch die richtige getroffen hat. Da sagt mir ein Barbesitzer, dass es, obwohl seine Kneipe auf vollen Touren läuft, aus ist, weil „die Koreaner ihn raushaben wollten“ (Freunde kämpfen noch immer um ihn). Da bringt sich jemand um, weil ihn seine Umwelt nicht mehr versteht, da werden Familien auseinandergerissen, weil letzteres nicht akzeptiert oder zu früh weiter erzählt wird, da verliert jemand aus den völlig falschen Gründen sein Gesicht. Die Welt ist verrückt.

Manchmal möchte man die wirklichen Gründe gar nicht wissen. Es hilft aber ungemein dabei, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Da erscheinen einem auf einmal die alten, vergangenen, eigenen Probleme nichtig oder deren Entstehung lächerlich. Und letzteres hilft! Es hilft dabei zu erkennen, dass man selbst nicht die Ursache war oder ist, sondern dass es Menschen gab und gibt, die mit dummen Entscheidungen noch größere Dummheiten angestellt haben. Wie Herr S. und Herr W., wie Frau Sch. Und Frau L. Fuck them!

Anderes Thema. Mit Freunden motorisiert unterwegs sein heißt auch, sich einparken zu lassen, sich den Weg abschneiden zu lassen und gelegentlich ein Hupsignal zu vernehmen. Auch hier bin ich abgehärtet und empfinde den Seouler Verkehr als fast schon harmlos. 4 Jahre Kairo lassen mich wundern ob der Gelassenheit der Koreaner, wenn es um Verkehrsvergehen geht. Vor allem der Lärmpegel ist hier um Einiges geringer, Hupkonzerte gibt es förmlich gar nicht. Meine erste Beobachtung: In Korea gibt es beinahe kein Auto mit einem Kratzer, in Kairo gibt es beinahe kein Auto ohne Kratzer. International findet sich Korea auf Platz 8-10 ein, wenn es um Länder geht, in denen es am schlimmsten zu fahren gilt. Ägypten schwankt zwischen 1-2. Will ich in Korea nochmal fahren?

Nein! Ja! Im Urlaub! Raus aus der Stadt, wie immer damals, in meiner Beschäftigungszeit, wenn es nach dem Unterricht direkt nach Suanbo ging, von wo aus man jedes Ziel in Südkorea erreichen konnte (und am gleichen Tag zurück, wenn man es wollte). Da man als motorisierter Zweisitzer so vielen Hindernissen (wie Brückenverbot, Tunnelverbot etc.) sowieso aus dem Weg gehen wollte, suchte man sich die kleinsten Straßen, die es im Atlas gibt. Korea so zu erkunden, ist die schönste Art und Weise. Das Suchen der alten Straßen ist eine Herausforderung für sich. Mein nächster Besuch hier wird wohl ein Roadtrip werden.

Was missfällt mir? Rassismus in Korea. Ich mache das immer fest an den lieben, guten Taxifahrern. Nicht an den Ajumas, die sich von bösen, ausländischen schwarzen Prangsters mit Schwarzenmaske verängstigen lassen, wie man es von YouTube kennt. Aber wir haben 2015/16 und wenn man da am Straßenrand in Hongdae stehen gelassen wird und halbstundenlang auf ein Taxi warten muss, das sich endlich erniedrigt oder herablässt, einen „Waeguk“ zu seinem Hotel zu bringen… Well, Hongdae war immer so. Ein Grund, da nicht hinzufahren! Mittlerweile gibt es ja auch dafür gar keinen Grund mehr (für Ausländer), da jetzt ja mittlerweile die ITAEWON ein trendy spot ist. Itaewon ist hip und angesagt. Aber komm mal nach Hause, wo auch immer du wohnst, wenn du nachts um 2 Uhr unterwegs bist! Das gab es vor 10-15 Jahren nur in Hongdae und in Gangnam! Schade um die Itaewon.

Brillen. Schlaue Menschen lassen ihre Augen überprüfen, bevor sie sich Brillen verpassen lassen. Dumme Menschen gehen davon aus, dass die Brille von vor 2 Jahren ja wohl noch gut genug ist, um davon Kopien machen zu lassen. Nun, dann bezahlt man halt doppelt. Ist immer noch günstiger als in deutsche Land. Doppelt sieht besser. Jetzt habe ich richtige Gläser und blicke endlich durch.

Das Geld ist alle. Das ist gut. Mit dem letzten Schein lasse ich die Vergangenheit Vergangenheit sein. Meine letzte Nacht genieße ich im „Grand Hyatt“. Man gönnt sich ja sonst fast nichts. Saunabesuch ist nicht im Preis enthalten, aber morgen habe ich noch einen ganzen Tag zur Verfügung. Noch ein Nengmyeon, noch einmal Silloam-Sauna. Dann mit dem KAL-Bus zum Flughafen. Wie damals immer. Heute Nacht die Sicht auf den Namsan Tower und Berg, fast die Sicht aus meiner alten Wohnung. Noch einmal das Restaurant um die Ecke besucht, bei der Bestellung („ohne Zwiebeln“) schaut die Köchin aus der Küche, wiedererkannt. Nach 2 oder 4 Jahren. Im Hyatt mache ich das Licht aus. Die raumhohen Fenster geben das Panorama frei. Eine gute Wahl. Das Beste zum Schluss. Alles erledigt. Zwei Freunde nicht gesehen, einen davon aber zumindest gesprochen, neue Freunde gefunden, alte Geschichten und Freundschaften vertieft, zu viel getrunken, zu wenig gegessen. Einem Fanclub beigetreten, eine neue Sauna kennengelernt, neue Brillen, elektronischen Firlefanz und Werbegeschenke erstanden, einen Akku nicht ersetzt, einen neuen, aber fehlerhaften gekauft, eine schöne quitschegelbe Handyhülle besorgt, neue Orte gesehen und alte Wunden geheilt. Alles ist gut. Alles ist gesagt und getan.

Halt, noch nicht ganz. Ein Bäcker, vielleicht ein Pianist, ein Nengmyeon und ein letztes Temeri in meiner Lieblingssauna warten noch auf mich.

2016 ist das Jahr, in dem ich mein altes Leben hinter mir lasse. Vielleicht gibt es noch einmal ein Wiedersehen. Als Gast. Als Freund. Als Teil einer völlig anderen Welt.

In der es Leckeres gibt: Mulnengmeon, Doejigalbi, Sundubu, Ojingeo, Kimbap, Odeng, Ssundaeguk, Haemulpajeon, Jokbal, Ramyeon