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Ein neuer Start

Nun hat es also doch noch angefangen, das neue Schuljahr! Eine Woche ist um und ich bin erkältet. Neue Viren, die mein Körper so lange nicht mehr kannte? Immerhin waren es 14 Jahre, die mein Immunsystem im Ausland weilte…

Dass zum neuen Schuljahr alles „smooth“ und geschmeidig abläuft, hatte ich mir zwar gewünscht, aber es kommt ja immer anders…

Wie schön wäre es, als Lehrer nach 14 Jahren Auslandstätigkeit an eine Schule zu kommen, an der man erwünscht und gewollt ist, wo man die Fächer unterrichten kann, die man 14, ja sogar 16 Jahre lang lehrte, wo man mit offenen Armen in den Kreis von Kollegen kommt, die sich vielleicht schon freuen, dass man kommt. Um genau das zu erreichen, reiste ich im Mai von Kairo nach Deutschland, um mich im zuständigen Amt zu bewerben bzw. dort vorstellig zu werden. Dass ich mir nicht jede Schule, die Stellen ausschreibt, ansehen konnte, war ja klar und so also direkt vor Ort. Das Gespräch lief bestens, diverse Zusagen bekam ich an Ort und Stelle. Da ich ja nicht nur simpler Rückkehrer war, sondern auch noch schwerbehindert (3 Abminderungsstunden), sollten mir Steine aus dem Weg geräumt werden, damit der (Wieder-) Einstieg gelinge. Ab 1. August 2016 eine Stelle als Angestellter (Verbeamtung kam aufgrund meiner Krankheit und der damit verbundenen Krankenversicherungsprobleme nicht infrage), keine Schule im nahen Umkreis von 30 km sollte es werden, eine mit Strukturen (erfahrene Schulleitung, ein gutes, funktionierendes Konzept u.ä.), keine 1.Klasse (kaum Erfahrung auf dem Gebiet), noch keine Klassenleitung (sich zurechtfinden sei nach so vielen Jahren schwer genug), Fächer, die meinem Können und meiner Erfahrung gerecht werden, Einstufung nicht als Berufseinsteiger – all das sollte meinen Neustart in Deutschland erleichtern. Die Leute, mit denen ich redete, waren sehr freundlich und ich freute mich schon auf die Schule. Es bliebe nichts mehr zu tun, als abzuwarten, welche Stellenausschreibungen für mich infrage kämen. Ach ja: Die Schule „X“, für die ich dort im Amt offiziell eingeladen war, käme nicht in Betracht, da dieser genau die zuvor genannten Eigenschaften fehlten. Mit einem guten Gefühl flog ich zurück nach Ägypten.

Dann kamen auf einmal nach 1-2 Monaten eigenartige Angebote angeflattert: Gymnasiallehrerstellen, Sekundarschulstellen, Schulen, die fast 200km weit weg waren, Berufsschulen und sowas. Teilweise wurden wohl meine Daten einfach aus einer großen Datenbank entnommen, der Lehrermangel trieb lustige Angebotsblüten. Da wurde nicht geschaut (oder war nicht sichtbar??), wer oder was ich bin, woher ich komme („… sprechen Sie morgen hierundhier vor…“) und welche Art Lehrer ich überhaupt sei. Mag sein, dass das aus der Datenbank nicht ersichtlich war, mag sein, dass von Schulleitungsseite nach jedem Strohhalm gegriffen wurde. Aber war ich nicht genau aus diesem Grunde in der zuständigen Bezirksstelle gewesen? Nun gut, ich schrieb eine Menge Absagen.

Verwundert war ich allerdings dann doch nicht wenig, als solche Fehlstellenangebote von der selbst Behörde kamen! Und es war auf einmal von Vollverbeamtung die Rede, von voller Stundenzahl (behindert!), von zwei verschiedenen Angeboten, eine davon eine Sekundarschule (!) – Wo bitteschön blieb irgendwas vom Maigespräch über? Anrufe wurden getätigt, Einspruch, Bitte um Klarstellung, bearbeitet von der Vertretung der Urlaubsvertretung. Da wurden an den wichtigen Stellen einfach mal keine Informationen ausgetauscht und ICH musste das klarstellen! Da ging Energie und Zeit bei drauf, die man besser woanders investiert hätte. Letztendlich gab es zwei seriöse Angebote (so glaubte ich), Schule „A“ 25km entfernt, Schule „B“ 45km (!!, allerdings lockte diese mit meinem Lieblingsfach Musik). Ich entschied mich für die nähere Schule „A“, weil laut Aussage der Behörde auch dort Musik gesucht würde. Außerdem fand ich deren Schulkonzept klasse, sodass die Entscheidung knapp 51/49 ausging. Ich sagte zu und stellte mich bei der Schule vor.

Der Empfang war freundlich, aber reserviert. Schon in den ersten Minuten wurde klar, welches Spiel hier mit beiden Seiten (der Schule und mir) gespielt wurde. Diese Schule brauchte mich überhaupt nicht! Ausgeschriebene Stellen wurden besetzt, eine andere Schule sollte über Umwege aufgefüllt werden. Und zwar die Schule „X“, um die es im Mai im Amt ging! Ja fein! Ausgetrickst. Wirklich? Nein! WENN etwas klar war von meiner Seite, dann, dass ich NICHT an die Schule „X“ gehöre. Wie die Schule „A“ ausgetrickst wurde, will ich hier gar nicht erzählen, sonst habe ich gleich das erste Personalgespräch am Hacken.

Auf dem Rückweg von der Schule bekam ich meinen ersten Strafzettel (€10 für zu schnelle 8km/h, gelernt: Auch mit dem Motorroller kann man von vorne geblitzt werden!).

So, wie soll das jetzt laufen? Ich malte mir aus, wie ich an eine Arbeitsstelle komme, wo ich ein Dorn, ein Fremdling bin, durch dessen Anwesenheit nur Unmut, Misstrauen und schlechtes Blut aufkommt. Wo man nicht gebraucht wird, anderen Leuten Nachteile entstehen, weil man da ist und wo das Arbeiten zur Hölle wird. So hatte ich mir meine Rückkehr in die Heimat nicht vorgestellt. Ich wollte nur ein ganz normales Leben (das Lied hier). Und einen guten Beginn, einen schönen neuen Start. Was soll’s, abwarten, wie es weitergeht. Aber ganz zurücklehnen konnte ich mich nicht.

Jetzt fehlten Unterlagen. Unterlagen, von denen bisher nie die Rede war und die ich zum größten Teil nicht oder noch nicht hatte. Anträge wurden geschrieben, Geburtsurkunde, Steuernummer und Sozialversicherungsnummer beantragt (die Geburtsurkunde ging bis heute nicht ein). Überall war Urlaub, auch bei mir dann natürlich. Kurzum: Die Sachen waren nicht vollständig und ich konnte nicht pünktlich eingestellt werden. Und als Berufsanfänger würde ich auch eingestuft. Nach knapp 18 Jahren Arbeit in der Schule!

Ich sprach beim Arbeitsamt vor, wo ich gleich wieder abgelehnt wurde, weil ich zwar keinen Vertrag, aber eine Zusage für eine Stelle hatte. Ich ging dem nicht weiter nach, wegen dieser paar Tage wollte ich jetzt keine Kraft mehr auch noch dafür aufwenden.

Dann plötzlich der Anruf aus der Schule: Der Vertrag war da! Es war Freitag, am Samstag war Einschulung, am Montag ging es los.

Der Vertrag war kaum unterschrieben, da kam die Hand über den Tisch gereicht und das „Du“. Von da an war ich tatsächlich „dabei“. Und, was soll ich nach einer Woche sagen? Mir gefällt die Schule sehr, sehr gut! Das Unterrichtskonzept ist für mich neu, aber es kann meins werden! Die Kinder sind sehr selbstständig und die Kollegen überhaupt nicht abweisend oder mir gegenüber negativ eingestellt. Es macht Spaß, dort zu arbeiten, es gibt viel zu lernen und die erste Woche war sehr lehrreich und interessant. Hospitationen waren essenziell. Auch habe ich schon erste Vertretungsstunden gegeben (Musik ;-). Zwar ist der Weg zur Schule durch den Berufsverkehr morgens mühsam, aber er ist ja auch nicht sooo lang. Morgens eine halbe Stunde, je nach Dienstschluss und Strecke 20-30 min zurück.

Ich schwitze. Ich muss das Shirt wechseln. Das wird eine feuchte Nacht. Handtücher und Wechsel-T-Shirts liegen bereit.

Ich freue mich auf den nächsten Arbeitstag, die Kinder, die Kollegen, die Schule. Auf mein neues Leben.

„Dünnes Eis“ von Ulrich Zehfuß

Ein Album, was ich derzeit hoch und runter höre. Ein paar Gedanken dazu.

Ein Mann steht am Ufer eines zugefrorenen Sees und beobachtet seinen Sohn beim Schlittern übers Eis. Seine Gedanken schweifen in die Vergangenheit, er sieht sich als Kind da draußen. In seiner Stimme spürt man den weißen Hauch vor dem Gesicht, in der Musik die Kälte des frühen Winters. Und man glaubt, das alles selbst zu sehen, zu erleben, selbst über das Eis zu gleiten, bis die Kälte einen aus der warmen Erinnerung reißt. Ulrich Zehfuß schafft es mit wenigen Textzeilen, dass man selbst zum Protagonisten wird, alles aus eigener Sichtweise erlebt. Dichte Worte, die einem im Kopf kreisen, gleich noch einmal hören.

Intime und doch allumfassende Erfahrungen im Kleinen und unendlich Großen, man treibt zwischen Erde und All, Realität und Traum, Tag und Nacht. Unaufhaltsam verfolgen einen der Drive und die Akkorde von „Die gleiche Nacht“. Bei der musikalischen Wendung zum „Vielleicht“ kommt keine Wehmut auf, eher verspürt man einen gewissen, sanften Druck, die Kleinigkeiten des Lebens zu genießen, solange man das kann. Es ist so, als kenne man das Lied schon immer. Vermutlich, weil man die Endlichkeit seines Daseins schon immer kannte, diese aber immer erfolgreich verdrängt. Nach und beim Hören dieses Liedes kann man sich ihr für ein paar Momente nicht mehr verschließen. Wirken lassen, am besten die anderen Lieder ein anderes Mal hören. Wir gehen alle durch die gleiche Nacht. Endgültig. Aber auch irgendwie beruhigend.

Ambivalente Gefühle bewirkt bei mir „Kleingelebt“. Je nach eigener Stimmung frag ich mich, ob das jetzt etwas ist, was das lyrisch Ich hier bedauert, beklagt oder einfach nur feststellt. Ich sehe mein Leben, was ICH geschafft und erlebt habe, ständig vergleiche ich, hinterfrage meinen eigenen Werdegang. Ich weiß von dem „verhinderten Bio-Bauern“- was ist aus ihm geworden? Waren die Träume von Kanada wirklich nur solche? Was ist noch dran am „Zuhause bin ich, wohin ich geh“ (ein früheres Lied des Künstlers, das mich über Jahre geprägt und begleitet hat)? Wie viel von der Person, die ich seit Jahren kenne, steckt in dem Sänger dieses Liedes? Ach, wüsste ich doch weniger!

Ach, da ist dann noch dieses gefühlte Flötensolo in „Der Morgen“, das die einsame Grundstimmung  musikalisch vordergründig etwas auflockert, bei mehrmaligem Hören jedoch verstärkt, gerade durch den Kontrast. Will nicht sagen, dass ich es vermiss, will nur sagen, dass da keines ist. 😉

Auf diesem Album beschreiben Worte und Musik ebenso kaltrauchige, traditionelle Herbstarbeiten mit einer Intensität, dass einem selbst die Hände erstarren, als auch stillzarte Momente voller Herzschlagwärme zur Schlafenszeit. Aktuelle Probleme, wie die Flüchtlingsproblematik oder das (mangelnde) Nachbarschaftsbewusstsein, kommen ohne Besserwisserei oder Lösungsvorschläge aus, eine besondere Sichtweise lässt dem Zuhörer genug Raum für eigene Gedanken.

Die Lieder von Ulrich Zehfuß sind ganz große Kunst des Liedermachens. Das sind Lieder, da hört man zu. Da will man keinen Atemhauch verpassen, kein einziges Wort, keinen Ton. Es entstehen Bilder, die jeder kennt, so oder ähnlich selbst einmal erlebt hat und jetzt, mit diesem Lied, kommen sie wieder in Erinnerung. Und doch bleibt alles individuell, persönlich. Manche Wendungen sind so passend formuliert, man kann sie sich gar nicht mehr anders formuliert vorstellen („Wasser schwappt aus dem Angelloch“). Das ist Luftaufsichtsbarackenniveau.

Die Lobeshymne für eine bestimmte Stadt ist sicherlich bei Lokalkonzerten ein schöner Mitsinger und lockert mit seiner südamerikanischen Leichtigkeit die sonstige Bedeutungsschwere anderer Lieder des Albums auf. Highlights sind für mich aber die schon erwähnten „Die gleiche Nacht“, „Spargelfeuer“ (dieses Western-Feeling!) und das sensible „Dünnes Eis“.

Einziger Kritikpunkt für mich, der ich das Album von Amazon gezogen habe (kein Versand nach Ägypten): Gerne hätte ich nachgelesen, welches Instrument ich denn da oder dort gehört habe, wie die musikalische Besetzung bei dem oder dem Lied ist. Klar, dadurch musste ich genauer hinhören, was den Gesamteindruck sicher eher verstärkt hat, aber trotzdem: Ein digitales Booklet wäre schön gewesen. Auch zum Nachlesen der tollen Texte.

Natürlich wird die CD auch noch besorgt, vielleicht bei einem Konzert, mit Signum.

 

Verlorene Zeit

Seit fast einem Monat bin ich jetzt krank. Ein eingeschleppter Virus nahm mir zunächst nach der Erkältung meine Stimme, wucherte dann hinunter auf die Bronchien. Jetzt seit einer Woche wieder die Stimme. Zwischenzeitlich dann eine fette Bindehautentzündung- in so einer Zeit kann man selbst zuhause gar nichts machen. Nicht lesen, singen, Videos schauen. Selbst Schlaf befriedigt nicht- man liegt zu lange halbwach und grübelt. Wieder dauert alles zu lange, normalerweise ist man nach 3 Tagen fit. Ob sich  die Kollegen schon beklagen? Schaffe ich meinen Stoff noch? Nehmen die mir das überhaupt noch ab? So oder so? Warum dauert es schon wieder so lange? Wie damals…

Eine verlorene Zeit. Ich müsste meine Zensuren fertig bekommen, die Klassen waren gerade soweit, sich mit dem Erlernten zu beweisen. Wenn ich dann wiederkomme, ist wieder viel aufzufrischen. Einige Themen muss ich wohl ganz streichen. Bald beginnt der Kurzstundenplan, bald ist es zu warm.

Verlorene Zeit. Meine Bude sieht aus wie ein Schlachtfeld. Die Umzugskartons stehen jetzt schon seit Wochen da, halb gepackt, noch unentschlossen, was sie noch aufnehmen sollen. Die ersten groben Schätzungen der Umzugsfirmen sind viel zu teuer, ich weiß nicht, was ich weglassen soll. Es ist so teuer. Zu teuer. Aber ich hab nicht die Nerven, nach Alternativen zu suchen, mir fehlen die Konzentration und die Kraft.

Verlorene Zeit. Ich wollte die letzten Monate hier doch noch richtig auskosten- Partys mit den Kollegen, eine letzte Reise mit dem Motorroller – herrjeh, der muss auch verkauft werden – ans Rote Meer, öfter nach Maadi zum Karaoke, zum ACE- und zum British Club, noch dieses eine Restaurant besuchen, noch dieses eine Museum ansehen.

Verlorene Zeit. Diese lang fällige, versprochene Rezension zur CD eines Musikerfreundes  schreiben, das letzte Lied nochmal richtig schneiden, bei dem mir ein anderer Musikerfreund so geholfen hatte,  endlich bei mir zuhause die SciFi-Night mit Freunden durchführen, sonst wird das wieder nichts, endlich dies, endlich das tun…

Nur noch zwei Monate in Kairo. Wie soll ich diese Zeit nur wieder aufholen?

Das Recht der stärkeren (Hupe)

Geschafft, müde, dehydriert, genervt, auf dem Weg zurück zur Wohnung. 10-12 Minuten Konzentration nochmal aufm Roller und dann erstmal halbe Stunde Powernap. So der Plan.

Neue, tiefschwarze Straße, doppelt dreispurig, noch ohne Markierungen oder Schlaglöcher. Prima! Erspart Zeit, noch nicht viele Fahrer sind auf diesen schnelleren Weg aufmerksam geworden. Allerdings muss man auch hier mit dem Schlimmsten rechnen. Als die Straße nur auf einer Seite befestigt war, hatte man regelmäßig Gegenverkehr, aber das war auch verständlich. Gefährlich ist es aber, wenn man, da die Straße jetzt auf beiden Seiten fertig ist, davon ausgeht, dass autofahrende Menschen diese nun auch auf beiden Seiten nutzen. Dass sich Esel daran nicht halten (die Wagen ziehenden und die auf Motorrädern), ist selbstverständlich, daran hat man sich in Ägypten ja gewöhnt. Mit 100 km/h im Verkehrsfluss mitziehend aber plötzlich hinter einer Kuppe einen PKW vor sich zu haben, ist nicht für jedermanns Fahrzeug oder Nerven. Ist mir nicht passiert! Nein. Aber WENN, so hab ich mir geschworen, stelle ich mich vor den Idioten, hup den an, bis er ausweicht. Falls er vorher anhält. Und ich nicht auf ihn draufknalle.

Denke es, fahre über die Kuppe und sehe in ca. 60m tatsächlich einen rotbraunen PKW, der mir schön gemütlich auf meiner linken Straßenseite entgegenrollt. Wohl wissend, dass er der Geisterfahrer auf der falschen Straßenseite ist. An dem U-Turn, von denen es normalerweise zu wenig gibt und die ein Hauptgrund für faule Falschfahrer sind, war ich gerade vorbeigefahren, es gibt an der neuen Straße mehr, der Typ hat also wirklich keinen Grund, auf meiner Seite zu fahren. Ich hupe. Ich lichthupe. Ich hupe und lichthupe. Und fahre, langsamer werdend, auf ihn zu. Und bleibe stehen. Er auch. Ich bin dehydriert, genervt und auf Krawall gebürstet. Ich stehe vor ihm, zeige auf ihn, zeige auf die andere Straßenseite, zeige ihm, er soll gefälligst verschwinden und umdrehen. Er starrt mich an und seine Frau starrt mich auch an. Ich habe Zeit. Und hupe ihn an. Wir stehen uns Gegenüber. Showdown in der Neukairoer Nachmittagssonne. Die Geier kreisen über uns (oder sind es Krähen?). Und ich hupe. Um meine Batterie nicht überzustrapazieren, verfalle ich vom Dauerhupen auf einen beinahe ägyptischen Rhythmus. Ich habe Zeit. Von einem Dach winken mir verstaubte Bauarbeiter zu und fangen an, im Rhythmus meiner Hupe zu tanzen. Ich winke zurück und gebe ihnen den Takt auch per Armbewegung an. Wir haben viel Spaß und ich viel Zeit. Es ist warm und ich rühre mich nicht vom Fleck. Rechts fahren Autos und Motorräder vorbei, am Straßenrand drehen sich arme Mütter mit ihren Kindern zu uns um. In Gedanken höre ich eine Tabla und passe meinen Rhythmus an. Die Bauarbeiter klatschen sich auf die Oberschenkel und beginnen jetzt mit einer Gruppenperformance. Ich beweg mich nicht von der Stelle. Mit Gasgriff und Bremse bringe ich den TGB-Roller zum Tanzen, auf und ab gehen nun die Bewegungen. Die Arbeiter pfeifen vom Dach. Gerade, als ich ein ägyptisches Jubelträllern anstimmen will, bewegt sich der Typ, lenkt ein, tut so, als würde er anfangen zu wenden, nur um dann an mir vorbei zu ziehen, mittlerweile auf Mittel- und rechter Spur. Seine Frau zeigt mir ein „Du-bist-doch-nicht-richtig-in-der-Birne!“-Zeichen. Vielleicht nicht. Aber auf der Straße! Im Gegensatz zu euch, ihr Vollpfosten! Die Bauarbeiter auf dem Dach haben die Zeit ihres Lebens, sie jubeln mir zu und lachen. Ich sehe das als meinen Sieg an! Zwar hat der Idiot nicht gewendet, aber ich musste keinen Meter ausweichen und die Straße vor mir ist frei! Die linke Hand zur Siegerfaust geballt, recke ich sie gen Dach und ziehe triumphierend Richtung Rehab. Durch diesen kurzen Moment des Glückes bin ich plötzlich nicht mehr genervt, nur noch dehydriert und noch ein ganz kleines bisschen müde.

Regen- das können sie nicht

Regen in Ägypten- dadurch muss das pharaonische Reich untergegangen sein. Sie können den Suezkanal in wenigen Jahren ausbauen, schaffen es aber in Jahrzehnten nicht, ein vernünftiges Abwassersystem zu bauen, nicht mal in den neuen Stadtteilen.

Regen in Ägypten- das bedeutet flüssiger Dreck, der vorher nur Sand war, Staus wegen „nass“, langsam fahrende Raser, die auch im Schritttempo keine Verkehrsregel beachten, Pfützen, so groß wie Fußballfelder, metertiefe Schlaglöcher, die sich als Pfützen tarnen, versenkte Kleinwagen, die sich mit Schlaglochpfützen angelegt haben, Taxifahrer, die ihre egal wie sehr verbeulten Kutschen bloß nicht schmutzig machen wollen und europäische Motorrollerfahrer, die ihren Spaß am Verkehr haben, bis sie von bitterbösen Taxifahrern angemacht werden, weil evtl. ein, zwei Tröpfchen des nassen Wüstengolddrecks die Seitentür benetzten.

„Road rage“ ist ein schöner Ausdruck und bezeichnet die Urwut aller Verkehrsteilnehmer, wenn sie geäußert wird. Die meisten machen das verbal und schimpfen, dass man heiße Ohren bekommt. Wenn man alleine ist, hilft es beim Stressabbau, sich über die ganzen Idioten lauthals auszulassen. Ist ja auch gut so. Wenn man Mitfahrer hat, sollte man andere Klänge anschlagen. Was man vermeiden sollte ist, seine Aggression auf sein Fahrzeug zu übertragen. Tut nicht gut und ist nur für die lustig, die sich „instant Karma fail“-Videos auf YouTube anschauen. Sich als ägyptischer Taxifahrer auf offener Straße mit europäischen Rollerfahrern anzulegen wegen ein paar Pfützenspritzern, die schon gar nicht mehr zu sehen waren, ist ärgerlich und nervend für den Europäer (der seine Theorie von den ganzen Straßenidioten, speziell den Taxifahrern, bestätigt sieht), aber dämlich und beschämend für den Autofahrer. Zunächst verstopft er durch sein dummes Geparke den gesamten Wendepunkt, so dass er einen Stau verursacht. Dann legt er sich mit einem in voller Schutzmontur vor ihm stehenden 100-kg-Straßenritter an, selbst ungeschützt in dünner, zu enger Stoffhose und Halbschuhen (die Angriffspunkte sind schnell ausgemacht). Wild gestikulierend auf die frisch gewaschene Seite seines Wagens zeigend, zwischendurch ein Schubser hier und da, macht er sich langsam zum Gespött der Umstehenden. Die weiter hinten Stehenden finden das nicht so lustig und wollen hupend aus dem Stau. „Nur Wasser!“ skandiert der Europäer, „just water!“

Aufregen, das können sie, sich aufregen über Dinge, die sie nicht verstehen- wie Wasser. Ach, und dann gibt es da die beschwichtigenden Menschen, die auf Idioten einreden, sie abregen lassen, die die Situation auflösen, bevor es wirklich schmutzig wird. Das können sie dann auch wieder. Aufregen und abregen. Man gut, sonst wäre dieses Land schon lange den Bach runter gegangen.

Nur Regen- Regen können sie nicht.

Schottland im Juli – ein Urlaubsblog

Diese Landschaft, die Berge, die Seen, das Meer…

Schottland ist wie Irland, nur anders. Mehr Platz und dadurch länger schöne Landschaft. Den Dialekt versteht man am Anfang auch nicht, aber die Menschen merken das schnell und sprechen gaaaanz l a n g s a m. Fast mitleidig erklären sie einem dummen Deutschen, wo er abbiegen, anhalten oder hier- und dorthin übersetzen muss oder sollte.

Und dank Navi findet man auch all diese Plätze, Abbiegungen und Sehenswürdigkeiten. Schon ist man da: Schottland- Herrliche Landschaften, enge Straßen, die sich durch romantische Täler schlängeln, anspruchsvolle Wege, auf die sich auch Fahrradfahrer wagen und die diese Nischen haben, wo man überholen kann, verträumte kleine Dörfer, weiß-schwarze Häuser mit Blumen an den Fenstern, diese typischen Schornsteine, die einen wissen lassen, dass im Inneren ein Kamin seine Dienste verrichtet, gut ausgeschilderte Fähren, die man auch ohne Navi findet, sichere Warnungen vor Baustellen oder Verkehrsbesonderheiten, diese selbst für einen Rollerfahrer wunderbaren Kurven, immer wieder die fantastischen Aussichten auf die Gebirgsseen, wenn man auf einer anspruchsvollen Serpentine ins Tal hinab sieht, diese düsteren Berge, die einem vermitteln, wie klein man doch ist, die netten Autofahrer, die einem wohl aufgrund des Nummernschildes Fahrfehler leicht verzeihen, Hotels, in denen man gut Geld sparen kann, da man mit seinen zwei Kumpels fast immer ein Dreibettzimmer bekommt und den Abend beschließt man dann im Pub bei einem belebenden Ale… Schottland ist ein tolles Land!

Halt! Es ist kein Land. Wollten sie ja dann doch nicht. Und so toll isses auch nicht, wenn du als Zweiradfahrer ständig im beschissenen Regen unterwegs bist!

Dann tickt das Navi aus und du musst nach Schildern Ausschau halten, die du eh nicht siehst, weil dir die beknackten Regentopfen von innen und von außen das Visier, das du auflässt, damit es nicht beschlägt, die Sicht versauen, du musst aufpassen, dass du die bekloppten Fahrradfahrer, die selbst zu zweit aufgrund ihrer unkalkulierbaren Fahrweise nicht zu überholen sind, auf diesen viel zu engen Wegen nicht einfach ins nächste Tal beförderst, musst ständig in den Überholnischen auf die Schnecken der anderen Seite warten, Split, überall Split, Split und tote Tiere in den Kurven, den Geraden, bergauf, bergab, musst auf den freien Strecken auf Geschwindigkeitsfallen der lokalen Polizei gefasst sein, die in den oh so verträumten Dörfern wie Kojoten auf Beute warten, graue Schleier links und rechts der Straße, wo Aussicht sein sollte, nasse Klamotten, die man auf den völlig überteuerten Fähren nie trocken bekommt, musst bei Richtungsunsicherheiten hin und wieder lokale Sprachgewohnheiten von Stadtautofahrern anhören („You fuckin‘ idiots!“), bekommst im Hotel ein Doppelbett und so ’ne Art Campingliege und bezahlst abends an der Bar 6-7 Euro für ein Bier!

Schottland soll sein wie sein Whiskey: Rau, alt und mit viel Seele.
Wenn er allerdings so verwässert wird, würde ich es, um mit Horst Lüning zu sprechen, mal so ausdrücken: Ich habe diesen leicht erdigen Geschmack von einer auf dem Lochwanderpfad zertretenen nordschottischen Erdkröte, die gerade eine Fruchtfliege verspeiste, welche kurz zuvor auf einem im Torfmoor liegenden Apfel gesessen hatte, hier in diesem Whiskey nicht gespürt.

Das war im Juli 2015. Dem verregnetsten und kältesten in Schottland seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen.

 

England, ein Urlaubsblog

Ankunft Newcastle, Fährhafen. Navi gestellt, Linksfahren kein Thema, raus in den Regen.

Speed Limit einhalten, aber ausnutzen mit Plus-Prozenten. Scheiß Sicherheitsabstandslückenspringer, überall auf der Welt das Gleiche! Einmal von Ost nach West, Stau, Regen, was mache ich hier eigentlich? Ach ja, ich muss hier sein, denn ich will ja wohin…

In Carlisle nass und kalt ankommen, die Bikes zu dritt auf dem viel zu kleinen Hinterhof parken, die Blinker und die Auspuffe berühren sich. Koffer ab, hoch in die dritte Etage, für drei Männer nur ein Einzel- und ein Doppelbett. Prima! Es schifft draußen. Frühstück buchen. Geht nur von 7:00 – 8:15 Uhr. Wäscheleine spannen, Klamotten aufhängen. Aufm Zimmer rumhängen, Route planen, restliche Hotels buchen. Um 16:00 Uhr in die Stadt. Es regnet und nicht wenig. Geld abheben. Karte funktioniert nicht. Andere Karte. Geht nicht. Anderer Automat. Karte geht noch nicht. Karte 2 geht.

Thai-Restaurant öffnet erst um 17:30 Uhr. Also ins Nachmittagszeitvertreibungspub, 10 Pfund für 3 Bier. Das gewünschte Bier ist alle. Also Plörre rein. Okay. Um 18:00 Uhr alle drei Zapfsorten durch, auf zum Restaurant! Es regnet. Immer noch. Der Thai hat zu. Von heute bis Mittwoch. Zum Take-Away-Chinamann nebenan. Gut, zwei Drittel weniger teuer. Klo ist kaputt. Auf, Klo suchen. Es gibt keins. An einem anderen Restaurant ein Schild: „Keine öffentliche Toilette, nur für Gäste!“ Trotzdem versuchen. Schön mit deutschem Akzent. Keine Chance. Die Tresenlady sagt uns: “ Keine öffentliche Toilette, nur für Gäste! Versucht’s an der Bushaltestelle.“ An der Bushaltestelle: „Keine Toilette! Versucht’s am Bahnhof“ Ich: „Ich will einfach nur pissen und ich weiß nicht, wo der blöde Bahnhof ist!!!“ „Dann geht doch mal rüber zu KFC…“ Gesagt, getan, gepisst, zurück. Es regnet. Ich hasse dieses Land! Wer will hier bloß freiwillig leben? Auf dem Weg zurück zum Restaurant sehen wir einen, der an eine Hausecke pisst. Und wir fragen höflicherweise im Restaurant… ach, vergiss es…

Im Restaurant bekomme ich, trotz englischer und chinesischer Anweisung, dennoch eine Speise mit Zwiebeln. Eine der beiden Sprachen kann ich sehr gut… Also auf Deutsch und Chinesisch beschweren, 5 min später steht das Essen auf dem Tisch, ist billig und überraschend gut und scharf.

Zum Tagesausklang Nachfrage im Spirituosengeschäft, ein gutes, typisch englisches Bier soll es sein. „John Smith, Fosters, Holsten…“ Wir verlassen das Geschäft mit polnischem und jamaikanischem Gesöff.

Weg hier, nur weg hier…

Morgen starten wir endlich unsere Tour durch Schottland.

Déjà-vu

Diese Zeit. Dieses Wetter. Dieses Stechen in der Schulter. Dieses Ich- muss-weniger-am-PC-sitzen. Dieses Ich-brauche-einen-Chiropraktiker-dann-geht-es-wieder.
Dieser Husten, der nicht weggeht. Diese Rückenschmerzen. Diese Gymnastikübungen.

Es ist noch nicht vorbei. Im Kopf noch nicht vorbei. Was auch immer der Körper verheißt, es ist noch nicht vorüber.

Wir haben die kleinen Erfolge gefeiert. Und die großen. Und die fremden. Und die schönsten, die gar nicht wichtig waren, aber so gut taten.

Wir versuchten die zu vergessen, denen Leben nicht so viel Wert ist. Wir versuchten klarzukommen. Wir kamen voran. Wir gaben nie auf.

Déjà-vu. Ein sich beim Aufwachen auflösender Traum. So hofft man. Bis zuletzt…

Stärke

Die eigene Stärke wird oft falsch eingeschätzt. Manche unterschätzen sie, andere trauen sich zu viel zu. Man hält mitunter Menschen für stark, weil sie nach außen so erscheinen, weil sie keine Schwäche zeigen, weil sie vieles wegreden, weil sie mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit Probleme angehen. Die Mauern, die sie bauen, sieht man nicht. Auch sieht man diese Mauern nicht bröckeln. Man sieht nur die Schutthaufen, wenn sich herausstellt, dass dieser Mensch doch nicht so stark war, wie er schien.

Manche starke Leistung wird von einigen Menschen nicht anerkannt, vielleicht, um sich selbst als stärker zu gebärden, vielleicht aus Neid, vielleicht auch nur aus Missgunst. Oder es steckt Geld darin, diese starke Leistung anzufechten. Plong! Das ist dann schon ein starkes Stück. Wohlwollende Menschen bestärken dich in Zeiten der Schwäche durch Trost, Mutmachung, echter Anteilnahme und helfen dir aus der Krise; sie unterstützen dich und üben konstruktive Kritik, bringen dich dazu, deine Wege zu überdenken, stehen zu dir bei großen Gegnern und halten dich für stark, weil du das alles durchstehst. Stärke, die du aus anderen ziehst, wird dir zugeschrieben. Und dann kann es passieren, dass du, weil du selbst daran geglaubt hast, vor und trotz all der Stärke zusammenbrichst. Weil du dich überschätzt hast. Weil die ganze positive Verstärkung deines Umfeldes durch ein einziges Plong zusammenfällt. Dann sitzt du auf diesem Schutthaufen und hast keine Ahnung von irgendwas. Vielleicht wird die wahre Stärke in Einheiten der Plongresistenz gemessen. Nicht jeder hält viele davon aus.

In die depressive Kiste fällt kein Lichtstrahl, an dem man sich orientieren könnte. Alleine kommt man da nicht raus. Der berühmte Spruch mit dem „sich selbst am Schopfe herausziehen“ fällt da ein. So stark ist niemand. Aber du musst an die Wände klopfen. Dann kommt vielleicht einer, der mal ab und zu den Deckel öffnet.

Dann sieht man wieder Licht. Das stärkt.

Auf einer anderen Erde

Du siehst diese Person

Wer ist sie
Was macht sie
Lässt sie sich auch gehen

Verdrängt sie genauso
Zerreißt es sie von innen
Oder lebt sie ihre Wut aus

Krankenhaus oder Gefängnis
Strandcocktail oder Whiskeyflasche
Schafft sie es

Schafft sie es alleine
Hat sie solche Freunde
Hat sie noch ein Leben

In einem anderen Licht

Abstand

Wenn der Kopf nicht mehr kann oder will, muss man raus. Aus dem Trott, raus aus dem Gedankenstrom, raus der Stadt. Raus aus der dicken Luft, rein ins frische Wasser. Weg vom Schreibtisch, ran an den Pool. Das hilft.
Nur arrogante, selbstverliebte Gutachter sehen das anders. Aber die kann man eh nur erschlagen- mit Paragraphen. Was hoffentlich bald passiert.

Die Stadt, die Verrückte macht

Wenn ein Fahrzeug in Kairo keine gültige Zulassung mehr hat, muss man  sie erneuern. Dafür muss das Fahrzeug auf den eigenen Namen zugelassen sein.

Das geht nur mit einer Bescheinigung, die einen freischreibt von Strafzetteln oder anderen Straßenverkehrsvergehen. Diese bekommt man nur mit einer Residenzbescheinigung von der Botschaft. Diese nur mit Mietvertrag. Den nur mit Arbeitsvertrags- und Visumskopie.

Visum gilt immer nur ein halbes Jahr. Für Verlängerung ist der Pass abzugeben. Den braucht man für alles.

Wenn man dann in der Zulassungsstelle ist, sollte man als Ausländer, der kein Arabisch spricht, einen offiziellen Übersetzer dabei haben, sonst geht gar nichts mehr und man muss später wieder kommen.

Nächste Woche geht’s wieder hin.