Alle Beiträge von Kay Groneberg

Frohe Ostern

Letzter Märztag,

26°C und der Tag lief ganz gut. In der Schule, der zweiten mittlerweile, waren die Kids im Großen und Ganzen gut drauf. Zumindest die, die ich heute hatte.

Die „Problemschule“, an die ich mich versetzen lassen habe, hatte wirklich Bedarf. Lehrermangel und dann ich als einziger Mann. Macht an einer Schule mit mehr als 60% Ausländeranteil (Albaner, Tunesier, Türken, Rumänen, Slowaken, Polen, Syrer, Kurden…) doch schon etwas aus. An der letzten Schule war zwar alles cool, aber ich wurde nicht wirklich benötigt. Dennoch habe ich einiges gelernt, was ich genau jetzt auch anwenden kann. Die Wunschschule für Viele war not really the thing for me. Alles eingespielt und daher kaum Spielraum für mich als Lehrer. Das ist anders an der Schule jetzt, wo in den letzen Jahren kaum echter Musikunterricht stattgefunden hatte. Und Mathe, das ich an der letzten Schule so neudidaktisch kennengelernt hatte, ist ein Selbstläufer geworden, da ich das Gelernte sehr gut umsetzen kann. Es läuft also.

Ich fahre jeden Tag mit dem Motorroller zur Arbeit. Okay, Burgman AN 650. Dennoch Roller. Viel Zeitsparpotenzial besteht nicht morgens, aber mehr als 30min sind es selten bis zur Schule. Wenn es stark schneite, fuhr ich mit dem Zug.

Wird aber auf Dauer zu teuer. Auch der schicke VOLVO V70, den ich gerne hätte, muss warten.

Denn Anwalts- und Gerichtskosten kommen auf mich zu. Alles wegen der Klage gegen meine Versicherung, die mich noch während der Therapie gesund geschrieben hatte aufgrund eines falsch ausgefüllten Arztzettels.

Musikalisch stagniere ich im Moment, das liegt an mangelndem Raumangebot und nach dem Treffen Junge Musikszene 2016 auch an einer Schreibblockade. Die Beiträge dort waren sehr gut, 25 Jahre nach meinem Auftritt war nun ein Schützling von mir dabei. Allerdings war ich gelähmt nach den tollen Beiträgen dort. Muss wieder einen Weg finden zu schreben.

Und ich spiele Handball again! Wir sind zwar letzte in der Liga, aber es macht doch Spaß.

Ein neuer Start

Nun hat es also doch noch angefangen, das neue Schuljahr! Eine Woche ist um und ich bin erkältet. Neue Viren, die mein Körper so lange nicht mehr kannte? Immerhin waren es 14 Jahre, die mein Immunsystem im Ausland weilte…

Dass zum neuen Schuljahr alles „smooth“ und geschmeidig abläuft, hatte ich mir zwar gewünscht, aber es kommt ja immer anders…

Wie schön wäre es, als Lehrer nach 14 Jahren Auslandstätigkeit an eine Schule zu kommen, an der man erwünscht und gewollt ist, wo man die Fächer unterrichten kann, die man 14, ja sogar 16 Jahre lang lehrte, wo man mit offenen Armen in den Kreis von Kollegen kommt, die sich vielleicht schon freuen, dass man kommt. Um genau das zu erreichen, reiste ich im Mai von Kairo nach Deutschland, um mich im zuständigen Amt zu bewerben bzw. dort vorstellig zu werden. Dass ich mir nicht jede Schule, die Stellen ausschreibt, ansehen konnte, war ja klar und so also direkt vor Ort. Das Gespräch lief bestens, diverse Zusagen bekam ich an Ort und Stelle. Da ich ja nicht nur simpler Rückkehrer war, sondern auch noch schwerbehindert (3 Abminderungsstunden), sollten mir Steine aus dem Weg geräumt werden, damit der (Wieder-) Einstieg gelinge. Ab 1. August 2016 eine Stelle als Angestellter (Verbeamtung kam aufgrund meiner Krankheit und der damit verbundenen Krankenversicherungsprobleme nicht infrage), keine Schule im nahen Umkreis von 30 km sollte es werden, eine mit Strukturen (erfahrene Schulleitung, ein gutes, funktionierendes Konzept u.ä.), keine 1.Klasse (kaum Erfahrung auf dem Gebiet), noch keine Klassenleitung (sich zurechtfinden sei nach so vielen Jahren schwer genug), Fächer, die meinem Können und meiner Erfahrung gerecht werden, Einstufung nicht als Berufseinsteiger – all das sollte meinen Neustart in Deutschland erleichtern. Die Leute, mit denen ich redete, waren sehr freundlich und ich freute mich schon auf die Schule. Es bliebe nichts mehr zu tun, als abzuwarten, welche Stellenausschreibungen für mich infrage kämen. Ach ja: Die Schule „X“, für die ich dort im Amt offiziell eingeladen war, käme nicht in Betracht, da dieser genau die zuvor genannten Eigenschaften fehlten. Mit einem guten Gefühl flog ich zurück nach Ägypten.

Dann kamen auf einmal nach 1-2 Monaten eigenartige Angebote angeflattert: Gymnasiallehrerstellen, Sekundarschulstellen, Schulen, die fast 200km weit weg waren, Berufsschulen und sowas. Teilweise wurden wohl meine Daten einfach aus einer großen Datenbank entnommen, der Lehrermangel trieb lustige Angebotsblüten. Da wurde nicht geschaut (oder war nicht sichtbar??), wer oder was ich bin, woher ich komme („… sprechen Sie morgen hierundhier vor…“) und welche Art Lehrer ich überhaupt sei. Mag sein, dass das aus der Datenbank nicht ersichtlich war, mag sein, dass von Schulleitungsseite nach jedem Strohhalm gegriffen wurde. Aber war ich nicht genau aus diesem Grunde in der zuständigen Bezirksstelle gewesen? Nun gut, ich schrieb eine Menge Absagen.

Verwundert war ich allerdings dann doch nicht wenig, als solche Fehlstellenangebote von der selbst Behörde kamen! Und es war auf einmal von Vollverbeamtung die Rede, von voller Stundenzahl (behindert!), von zwei verschiedenen Angeboten, eine davon eine Sekundarschule (!) – Wo bitteschön blieb irgendwas vom Maigespräch über? Anrufe wurden getätigt, Einspruch, Bitte um Klarstellung, bearbeitet von der Vertretung der Urlaubsvertretung. Da wurden an den wichtigen Stellen einfach mal keine Informationen ausgetauscht und ICH musste das klarstellen! Da ging Energie und Zeit bei drauf, die man besser woanders investiert hätte. Letztendlich gab es zwei seriöse Angebote (so glaubte ich), Schule „A“ 25km entfernt, Schule „B“ 45km (!!, allerdings lockte diese mit meinem Lieblingsfach Musik). Ich entschied mich für die nähere Schule „A“, weil laut Aussage der Behörde auch dort Musik gesucht würde. Außerdem fand ich deren Schulkonzept klasse, sodass die Entscheidung knapp 51/49 ausging. Ich sagte zu und stellte mich bei der Schule vor.

Der Empfang war freundlich, aber reserviert. Schon in den ersten Minuten wurde klar, welches Spiel hier mit beiden Seiten (der Schule und mir) gespielt wurde. Diese Schule brauchte mich überhaupt nicht! Ausgeschriebene Stellen wurden besetzt, eine andere Schule sollte über Umwege aufgefüllt werden. Und zwar die Schule „X“, um die es im Mai im Amt ging! Ja fein! Ausgetrickst. Wirklich? Nein! WENN etwas klar war von meiner Seite, dann, dass ich NICHT an die Schule „X“ gehöre. Wie die Schule „A“ ausgetrickst wurde, will ich hier gar nicht erzählen, sonst habe ich gleich das erste Personalgespräch am Hacken.

Auf dem Rückweg von der Schule bekam ich meinen ersten Strafzettel (€10 für zu schnelle 8km/h, gelernt: Auch mit dem Motorroller kann man von vorne geblitzt werden!).

So, wie soll das jetzt laufen? Ich malte mir aus, wie ich an eine Arbeitsstelle komme, wo ich ein Dorn, ein Fremdling bin, durch dessen Anwesenheit nur Unmut, Misstrauen und schlechtes Blut aufkommt. Wo man nicht gebraucht wird, anderen Leuten Nachteile entstehen, weil man da ist und wo das Arbeiten zur Hölle wird. So hatte ich mir meine Rückkehr in die Heimat nicht vorgestellt. Ich wollte nur ein ganz normales Leben (das Lied hier). Und einen guten Beginn, einen schönen neuen Start. Was soll’s, abwarten, wie es weitergeht. Aber ganz zurücklehnen konnte ich mich nicht.

Jetzt fehlten Unterlagen. Unterlagen, von denen bisher nie die Rede war und die ich zum größten Teil nicht oder noch nicht hatte. Anträge wurden geschrieben, Geburtsurkunde, Steuernummer und Sozialversicherungsnummer beantragt (die Geburtsurkunde ging bis heute nicht ein). Überall war Urlaub, auch bei mir dann natürlich. Kurzum: Die Sachen waren nicht vollständig und ich konnte nicht pünktlich eingestellt werden. Und als Berufsanfänger würde ich auch eingestuft. Nach knapp 18 Jahren Arbeit in der Schule!

Ich sprach beim Arbeitsamt vor, wo ich gleich wieder abgelehnt wurde, weil ich zwar keinen Vertrag, aber eine Zusage für eine Stelle hatte. Ich ging dem nicht weiter nach, wegen dieser paar Tage wollte ich jetzt keine Kraft mehr auch noch dafür aufwenden.

Dann plötzlich der Anruf aus der Schule: Der Vertrag war da! Es war Freitag, am Samstag war Einschulung, am Montag ging es los.

Der Vertrag war kaum unterschrieben, da kam die Hand über den Tisch gereicht und das „Du“. Von da an war ich tatsächlich „dabei“. Und, was soll ich nach einer Woche sagen? Mir gefällt die Schule sehr, sehr gut! Das Unterrichtskonzept ist für mich neu, aber es kann meins werden! Die Kinder sind sehr selbstständig und die Kollegen überhaupt nicht abweisend oder mir gegenüber negativ eingestellt. Es macht Spaß, dort zu arbeiten, es gibt viel zu lernen und die erste Woche war sehr lehrreich und interessant. Hospitationen waren essenziell. Auch habe ich schon erste Vertretungsstunden gegeben (Musik ;-). Zwar ist der Weg zur Schule durch den Berufsverkehr morgens mühsam, aber er ist ja auch nicht sooo lang. Morgens eine halbe Stunde, je nach Dienstschluss und Strecke 20-30 min zurück.

Ich schwitze. Ich muss das Shirt wechseln. Das wird eine feuchte Nacht. Handtücher und Wechsel-T-Shirts liegen bereit.

Ich freue mich auf den nächsten Arbeitstag, die Kinder, die Kollegen, die Schule. Auf mein neues Leben.

„Dünnes Eis“ von Ulrich Zehfuß

Ein Album, was ich derzeit hoch und runter höre. Ein paar Gedanken dazu.

Ein Mann steht am Ufer eines zugefrorenen Sees und beobachtet seinen Sohn beim Schlittern übers Eis. Seine Gedanken schweifen in die Vergangenheit, er sieht sich als Kind da draußen. In seiner Stimme spürt man den weißen Hauch vor dem Gesicht, in der Musik die Kälte des frühen Winters. Und man glaubt, das alles selbst zu sehen, zu erleben, selbst über das Eis zu gleiten, bis die Kälte einen aus der warmen Erinnerung reißt. Ulrich Zehfuß schafft es mit wenigen Textzeilen, dass man selbst zum Protagonisten wird, alles aus eigener Sichtweise erlebt. Dichte Worte, die einem im Kopf kreisen, gleich noch einmal hören.

Intime und doch allumfassende Erfahrungen im Kleinen und unendlich Großen, man treibt zwischen Erde und All, Realität und Traum, Tag und Nacht. Unaufhaltsam verfolgen einen der Drive und die Akkorde von „Die gleiche Nacht“. Bei der musikalischen Wendung zum „Vielleicht“ kommt keine Wehmut auf, eher verspürt man einen gewissen, sanften Druck, die Kleinigkeiten des Lebens zu genießen, solange man das kann. Es ist so, als kenne man das Lied schon immer. Vermutlich, weil man die Endlichkeit seines Daseins schon immer kannte, diese aber immer erfolgreich verdrängt. Nach und beim Hören dieses Liedes kann man sich ihr für ein paar Momente nicht mehr verschließen. Wirken lassen, am besten die anderen Lieder ein anderes Mal hören. Wir gehen alle durch die gleiche Nacht. Endgültig. Aber auch irgendwie beruhigend.

Ambivalente Gefühle bewirkt bei mir „Kleingelebt“. Je nach eigener Stimmung frag ich mich, ob das jetzt etwas ist, was das lyrisch Ich hier bedauert, beklagt oder einfach nur feststellt. Ich sehe mein Leben, was ICH geschafft und erlebt habe, ständig vergleiche ich, hinterfrage meinen eigenen Werdegang. Ich weiß von dem „verhinderten Bio-Bauern“- was ist aus ihm geworden? Waren die Träume von Kanada wirklich nur solche? Was ist noch dran am „Zuhause bin ich, wohin ich geh“ (ein früheres Lied des Künstlers, das mich über Jahre geprägt und begleitet hat)? Wie viel von der Person, die ich seit Jahren kenne, steckt in dem Sänger dieses Liedes? Ach, wüsste ich doch weniger!

Ach, da ist dann noch dieses gefühlte Flötensolo in „Der Morgen“, das die einsame Grundstimmung  musikalisch vordergründig etwas auflockert, bei mehrmaligem Hören jedoch verstärkt, gerade durch den Kontrast. Will nicht sagen, dass ich es vermiss, will nur sagen, dass da keines ist. 😉

Auf diesem Album beschreiben Worte und Musik ebenso kaltrauchige, traditionelle Herbstarbeiten mit einer Intensität, dass einem selbst die Hände erstarren, als auch stillzarte Momente voller Herzschlagwärme zur Schlafenszeit. Aktuelle Probleme, wie die Flüchtlingsproblematik oder das (mangelnde) Nachbarschaftsbewusstsein, kommen ohne Besserwisserei oder Lösungsvorschläge aus, eine besondere Sichtweise lässt dem Zuhörer genug Raum für eigene Gedanken.

Die Lieder von Ulrich Zehfuß sind ganz große Kunst des Liedermachens. Das sind Lieder, da hört man zu. Da will man keinen Atemhauch verpassen, kein einziges Wort, keinen Ton. Es entstehen Bilder, die jeder kennt, so oder ähnlich selbst einmal erlebt hat und jetzt, mit diesem Lied, kommen sie wieder in Erinnerung. Und doch bleibt alles individuell, persönlich. Manche Wendungen sind so passend formuliert, man kann sie sich gar nicht mehr anders formuliert vorstellen („Wasser schwappt aus dem Angelloch“). Das ist Luftaufsichtsbarackenniveau.

Die Lobeshymne für eine bestimmte Stadt ist sicherlich bei Lokalkonzerten ein schöner Mitsinger und lockert mit seiner südamerikanischen Leichtigkeit die sonstige Bedeutungsschwere anderer Lieder des Albums auf. Highlights sind für mich aber die schon erwähnten „Die gleiche Nacht“, „Spargelfeuer“ (dieses Western-Feeling!) und das sensible „Dünnes Eis“.

Einziger Kritikpunkt für mich, der ich das Album von Amazon gezogen habe (kein Versand nach Ägypten): Gerne hätte ich nachgelesen, welches Instrument ich denn da oder dort gehört habe, wie die musikalische Besetzung bei dem oder dem Lied ist. Klar, dadurch musste ich genauer hinhören, was den Gesamteindruck sicher eher verstärkt hat, aber trotzdem: Ein digitales Booklet wäre schön gewesen. Auch zum Nachlesen der tollen Texte.

Natürlich wird die CD auch noch besorgt, vielleicht bei einem Konzert, mit Signum.

 

Verlorene Zeit

Seit fast einem Monat bin ich jetzt krank. Ein eingeschleppter Virus nahm mir zunächst nach der Erkältung meine Stimme, wucherte dann hinunter auf die Bronchien. Jetzt seit einer Woche wieder die Stimme. Zwischenzeitlich dann eine fette Bindehautentzündung- in so einer Zeit kann man selbst zuhause gar nichts machen. Nicht lesen, singen, Videos schauen. Selbst Schlaf befriedigt nicht- man liegt zu lange halbwach und grübelt. Wieder dauert alles zu lange, normalerweise ist man nach 3 Tagen fit. Ob sich  die Kollegen schon beklagen? Schaffe ich meinen Stoff noch? Nehmen die mir das überhaupt noch ab? So oder so? Warum dauert es schon wieder so lange? Wie damals…

Eine verlorene Zeit. Ich müsste meine Zensuren fertig bekommen, die Klassen waren gerade soweit, sich mit dem Erlernten zu beweisen. Wenn ich dann wiederkomme, ist wieder viel aufzufrischen. Einige Themen muss ich wohl ganz streichen. Bald beginnt der Kurzstundenplan, bald ist es zu warm.

Verlorene Zeit. Meine Bude sieht aus wie ein Schlachtfeld. Die Umzugskartons stehen jetzt schon seit Wochen da, halb gepackt, noch unentschlossen, was sie noch aufnehmen sollen. Die ersten groben Schätzungen der Umzugsfirmen sind viel zu teuer, ich weiß nicht, was ich weglassen soll. Es ist so teuer. Zu teuer. Aber ich hab nicht die Nerven, nach Alternativen zu suchen, mir fehlen die Konzentration und die Kraft.

Verlorene Zeit. Ich wollte die letzten Monate hier doch noch richtig auskosten- Partys mit den Kollegen, eine letzte Reise mit dem Motorroller – herrjeh, der muss auch verkauft werden – ans Rote Meer, öfter nach Maadi zum Karaoke, zum ACE- und zum British Club, noch dieses eine Restaurant besuchen, noch dieses eine Museum ansehen.

Verlorene Zeit. Diese lang fällige, versprochene Rezension zur CD eines Musikerfreundes  schreiben, das letzte Lied nochmal richtig schneiden, bei dem mir ein anderer Musikerfreund so geholfen hatte,  endlich bei mir zuhause die SciFi-Night mit Freunden durchführen, sonst wird das wieder nichts, endlich dies, endlich das tun…

Nur noch zwei Monate in Kairo. Wie soll ich diese Zeit nur wieder aufholen?

Das Recht der stärkeren (Hupe)

Geschafft, müde, dehydriert, genervt, auf dem Weg zurück zur Wohnung. 10-12 Minuten Konzentration nochmal aufm Roller und dann erstmal halbe Stunde Powernap. So der Plan.

Neue, tiefschwarze Straße, doppelt dreispurig, noch ohne Markierungen oder Schlaglöcher. Prima! Erspart Zeit, noch nicht viele Fahrer sind auf diesen schnelleren Weg aufmerksam geworden. Allerdings muss man auch hier mit dem Schlimmsten rechnen. Als die Straße nur auf einer Seite befestigt war, hatte man regelmäßig Gegenverkehr, aber das war auch verständlich. Gefährlich ist es aber, wenn man, da die Straße jetzt auf beiden Seiten fertig ist, davon ausgeht, dass autofahrende Menschen diese nun auch auf beiden Seiten nutzen. Dass sich Esel daran nicht halten (die Wagen ziehenden und die auf Motorrädern), ist selbstverständlich, daran hat man sich in Ägypten ja gewöhnt. Mit 100 km/h im Verkehrsfluss mitziehend aber plötzlich hinter einer Kuppe einen PKW vor sich zu haben, ist nicht für jedermanns Fahrzeug oder Nerven. Ist mir nicht passiert! Nein. Aber WENN, so hab ich mir geschworen, stelle ich mich vor den Idioten, hup den an, bis er ausweicht. Falls er vorher anhält. Und ich nicht auf ihn draufknalle.

Denke es, fahre über die Kuppe und sehe in ca. 60m tatsächlich einen rotbraunen PKW, der mir schön gemütlich auf meiner linken Straßenseite entgegenrollt. Wohl wissend, dass er der Geisterfahrer auf der falschen Straßenseite ist. An dem U-Turn, von denen es normalerweise zu wenig gibt und die ein Hauptgrund für faule Falschfahrer sind, war ich gerade vorbeigefahren, es gibt an der neuen Straße mehr, der Typ hat also wirklich keinen Grund, auf meiner Seite zu fahren. Ich hupe. Ich lichthupe. Ich hupe und lichthupe. Und fahre, langsamer werdend, auf ihn zu. Und bleibe stehen. Er auch. Ich bin dehydriert, genervt und auf Krawall gebürstet. Ich stehe vor ihm, zeige auf ihn, zeige auf die andere Straßenseite, zeige ihm, er soll gefälligst verschwinden und umdrehen. Er starrt mich an und seine Frau starrt mich auch an. Ich habe Zeit. Und hupe ihn an. Wir stehen uns Gegenüber. Showdown in der Neukairoer Nachmittagssonne. Die Geier kreisen über uns (oder sind es Krähen?). Und ich hupe. Um meine Batterie nicht überzustrapazieren, verfalle ich vom Dauerhupen auf einen beinahe ägyptischen Rhythmus. Ich habe Zeit. Von einem Dach winken mir verstaubte Bauarbeiter zu und fangen an, im Rhythmus meiner Hupe zu tanzen. Ich winke zurück und gebe ihnen den Takt auch per Armbewegung an. Wir haben viel Spaß und ich viel Zeit. Es ist warm und ich rühre mich nicht vom Fleck. Rechts fahren Autos und Motorräder vorbei, am Straßenrand drehen sich arme Mütter mit ihren Kindern zu uns um. In Gedanken höre ich eine Tabla und passe meinen Rhythmus an. Die Bauarbeiter klatschen sich auf die Oberschenkel und beginnen jetzt mit einer Gruppenperformance. Ich beweg mich nicht von der Stelle. Mit Gasgriff und Bremse bringe ich den TGB-Roller zum Tanzen, auf und ab gehen nun die Bewegungen. Die Arbeiter pfeifen vom Dach. Gerade, als ich ein ägyptisches Jubelträllern anstimmen will, bewegt sich der Typ, lenkt ein, tut so, als würde er anfangen zu wenden, nur um dann an mir vorbei zu ziehen, mittlerweile auf Mittel- und rechter Spur. Seine Frau zeigt mir ein „Du-bist-doch-nicht-richtig-in-der-Birne!“-Zeichen. Vielleicht nicht. Aber auf der Straße! Im Gegensatz zu euch, ihr Vollpfosten! Die Bauarbeiter auf dem Dach haben die Zeit ihres Lebens, sie jubeln mir zu und lachen. Ich sehe das als meinen Sieg an! Zwar hat der Idiot nicht gewendet, aber ich musste keinen Meter ausweichen und die Straße vor mir ist frei! Die linke Hand zur Siegerfaust geballt, recke ich sie gen Dach und ziehe triumphierend Richtung Rehab. Durch diesen kurzen Moment des Glückes bin ich plötzlich nicht mehr genervt, nur noch dehydriert und noch ein ganz kleines bisschen müde.

Regen- das können sie nicht

Regen in Ägypten- dadurch muss das pharaonische Reich untergegangen sein. Sie können den Suezkanal in wenigen Jahren ausbauen, schaffen es aber in Jahrzehnten nicht, ein vernünftiges Abwassersystem zu bauen, nicht mal in den neuen Stadtteilen.

Regen in Ägypten- das bedeutet flüssiger Dreck, der vorher nur Sand war, Staus wegen „nass“, langsam fahrende Raser, die auch im Schritttempo keine Verkehrsregel beachten, Pfützen, so groß wie Fußballfelder, metertiefe Schlaglöcher, die sich als Pfützen tarnen, versenkte Kleinwagen, die sich mit Schlaglochpfützen angelegt haben, Taxifahrer, die ihre egal wie sehr verbeulten Kutschen bloß nicht schmutzig machen wollen und europäische Motorrollerfahrer, die ihren Spaß am Verkehr haben, bis sie von bitterbösen Taxifahrern angemacht werden, weil evtl. ein, zwei Tröpfchen des nassen Wüstengolddrecks die Seitentür benetzten.

„Road rage“ ist ein schöner Ausdruck und bezeichnet die Urwut aller Verkehrsteilnehmer, wenn sie geäußert wird. Die meisten machen das verbal und schimpfen, dass man heiße Ohren bekommt. Wenn man alleine ist, hilft es beim Stressabbau, sich über die ganzen Idioten lauthals auszulassen. Ist ja auch gut so. Wenn man Mitfahrer hat, sollte man andere Klänge anschlagen. Was man vermeiden sollte ist, seine Aggression auf sein Fahrzeug zu übertragen. Tut nicht gut und ist nur für die lustig, die sich „instant Karma fail“-Videos auf YouTube anschauen. Sich als ägyptischer Taxifahrer auf offener Straße mit europäischen Rollerfahrern anzulegen wegen ein paar Pfützenspritzern, die schon gar nicht mehr zu sehen waren, ist ärgerlich und nervend für den Europäer (der seine Theorie von den ganzen Straßenidioten, speziell den Taxifahrern, bestätigt sieht), aber dämlich und beschämend für den Autofahrer. Zunächst verstopft er durch sein dummes Geparke den gesamten Wendepunkt, so dass er einen Stau verursacht. Dann legt er sich mit einem in voller Schutzmontur vor ihm stehenden 100-kg-Straßenritter an, selbst ungeschützt in dünner, zu enger Stoffhose und Halbschuhen (die Angriffspunkte sind schnell ausgemacht). Wild gestikulierend auf die frisch gewaschene Seite seines Wagens zeigend, zwischendurch ein Schubser hier und da, macht er sich langsam zum Gespött der Umstehenden. Die weiter hinten Stehenden finden das nicht so lustig und wollen hupend aus dem Stau. „Nur Wasser!“ skandiert der Europäer, „just water!“

Aufregen, das können sie, sich aufregen über Dinge, die sie nicht verstehen- wie Wasser. Ach, und dann gibt es da die beschwichtigenden Menschen, die auf Idioten einreden, sie abregen lassen, die die Situation auflösen, bevor es wirklich schmutzig wird. Das können sie dann auch wieder. Aufregen und abregen. Man gut, sonst wäre dieses Land schon lange den Bach runter gegangen.

Nur Regen- Regen können sie nicht.

Alles ist getan

Korea 2015/16 -7-

Es gibt sie noch. Die Stop-and-go-Taxifahrer. Sie waren immer alte Männer, vor 10, vor 20 Jahren. Sie geben Gas. Sie bremsen und nehmen den Fuß vom Gas. In rhythmischen Abständen. So, dass man immer vor- und zurückschaukelt. Was ich bisher noch nicht kannte: Wildes Hin- und Herreißen des Lenkrades, zusätzlich. Hätte ich nur ägyptische Taxifahrermusik laut dabei gehabt, hätte ich im Taxi tanzen können. Links, vor, zurück, rechts, vor, links, rechts, zurück, vor, … Das Taxifahren hat eine neue Dimension bekommen. Wenn ich mich recht erinnere, war die Taxi-Grundgebühr im Jahre 2002 1600 Won, 1950 in der Nacht. Ich habe einige Erhöhungen erlebt. Zurzeit sind wir bei 3000 Won Grundgebühr. Es soll noch in diesem Jahr die 4000 fallen.

Glücklicherweise brauchte ich gestern und heute nur wenig Taxigeld ausgeben. Zu Freunden zu fahren, hat nicht nur emotionale Bedeutung. Kostenlose Übernachtung ist bei Freunden selbstverständlich. Und wenn man dann noch ausgeführt wird… Danke, euch da südlich des Flusses! Eine schöne Wanderung und zweimal gutes Essen prägen sich in mein Reiseerlebnis umso mehr ein. Dazu die Gespräche. Neue Erkenntnisse, Hintergrundwissen, tieferes Verständnis.

Wie auch schon tags zuvor. Ehemalige zu treffen, ist immer erfrischend und erkenntnisreich. Seien es Schüler oder Kollegen oder Eltern. Schlimme Dinge, die in der Vergangenheit passierten, bekommen durch viele, verschiedene Sichtweisen einen ganz anderen, komplexeren Zusammenhang. Da ist ein individuelles Schicksal nur ein Teil eines größeren, viel tiefer sitzenden Übels. Menschen, die unter Verruf gerieten, werden rehabilitiert und gleichzeitig für andere Gründe neu verrufen. Und Menschen, die es nicht mehr gibt, kann man auf einmal viel besser verstehen, als man es eigentlich will.
Die Welt ändert sich.

Aus Tätern werden Opfer, aus Opfern Täter, Täter bleiben Täter und machen andere zu Tätern. Und Opfern. Die Welt ist verrückt.

Da hilft es einer (vorzeitigen) Schulabgängerin, ihre Familie durchzubringen, weil sie, da sie an etwas glaubte, mit ihrer Zukunftswahl wohl dann doch die richtige getroffen hat. Da sagt mir ein Barbesitzer, dass es, obwohl seine Kneipe auf vollen Touren läuft, aus ist, weil „die Koreaner ihn raushaben wollten“ (Freunde kämpfen noch immer um ihn). Da bringt sich jemand um, weil ihn seine Umwelt nicht mehr versteht, da werden Familien auseinandergerissen, weil letzteres nicht akzeptiert oder zu früh weiter erzählt wird, da verliert jemand aus den völlig falschen Gründen sein Gesicht. Die Welt ist verrückt.

Manchmal möchte man die wirklichen Gründe gar nicht wissen. Es hilft aber ungemein dabei, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Da erscheinen einem auf einmal die alten, vergangenen, eigenen Probleme nichtig oder deren Entstehung lächerlich. Und letzteres hilft! Es hilft dabei zu erkennen, dass man selbst nicht die Ursache war oder ist, sondern dass es Menschen gab und gibt, die mit dummen Entscheidungen noch größere Dummheiten angestellt haben. Wie Herr S. und Herr W., wie Frau Sch. Und Frau L. Fuck them!

Anderes Thema. Mit Freunden motorisiert unterwegs sein heißt auch, sich einparken zu lassen, sich den Weg abschneiden zu lassen und gelegentlich ein Hupsignal zu vernehmen. Auch hier bin ich abgehärtet und empfinde den Seouler Verkehr als fast schon harmlos. 4 Jahre Kairo lassen mich wundern ob der Gelassenheit der Koreaner, wenn es um Verkehrsvergehen geht. Vor allem der Lärmpegel ist hier um Einiges geringer, Hupkonzerte gibt es förmlich gar nicht. Meine erste Beobachtung: In Korea gibt es beinahe kein Auto mit einem Kratzer, in Kairo gibt es beinahe kein Auto ohne Kratzer. International findet sich Korea auf Platz 8-10 ein, wenn es um Länder geht, in denen es am schlimmsten zu fahren gilt. Ägypten schwankt zwischen 1-2. Will ich in Korea nochmal fahren?

Nein! Ja! Im Urlaub! Raus aus der Stadt, wie immer damals, in meiner Beschäftigungszeit, wenn es nach dem Unterricht direkt nach Suanbo ging, von wo aus man jedes Ziel in Südkorea erreichen konnte (und am gleichen Tag zurück, wenn man es wollte). Da man als motorisierter Zweisitzer so vielen Hindernissen (wie Brückenverbot, Tunnelverbot etc.) sowieso aus dem Weg gehen wollte, suchte man sich die kleinsten Straßen, die es im Atlas gibt. Korea so zu erkunden, ist die schönste Art und Weise. Das Suchen der alten Straßen ist eine Herausforderung für sich. Mein nächster Besuch hier wird wohl ein Roadtrip werden.

Was missfällt mir? Rassismus in Korea. Ich mache das immer fest an den lieben, guten Taxifahrern. Nicht an den Ajumas, die sich von bösen, ausländischen schwarzen Prangsters mit Schwarzenmaske verängstigen lassen, wie man es von YouTube kennt. Aber wir haben 2015/16 und wenn man da am Straßenrand in Hongdae stehen gelassen wird und halbstundenlang auf ein Taxi warten muss, das sich endlich erniedrigt oder herablässt, einen „Waeguk“ zu seinem Hotel zu bringen… Well, Hongdae war immer so. Ein Grund, da nicht hinzufahren! Mittlerweile gibt es ja auch dafür gar keinen Grund mehr (für Ausländer), da jetzt ja mittlerweile die ITAEWON ein trendy spot ist. Itaewon ist hip und angesagt. Aber komm mal nach Hause, wo auch immer du wohnst, wenn du nachts um 2 Uhr unterwegs bist! Das gab es vor 10-15 Jahren nur in Hongdae und in Gangnam! Schade um die Itaewon.

Brillen. Schlaue Menschen lassen ihre Augen überprüfen, bevor sie sich Brillen verpassen lassen. Dumme Menschen gehen davon aus, dass die Brille von vor 2 Jahren ja wohl noch gut genug ist, um davon Kopien machen zu lassen. Nun, dann bezahlt man halt doppelt. Ist immer noch günstiger als in deutsche Land. Doppelt sieht besser. Jetzt habe ich richtige Gläser und blicke endlich durch.

Das Geld ist alle. Das ist gut. Mit dem letzten Schein lasse ich die Vergangenheit Vergangenheit sein. Meine letzte Nacht genieße ich im „Grand Hyatt“. Man gönnt sich ja sonst fast nichts. Saunabesuch ist nicht im Preis enthalten, aber morgen habe ich noch einen ganzen Tag zur Verfügung. Noch ein Nengmyeon, noch einmal Silloam-Sauna. Dann mit dem KAL-Bus zum Flughafen. Wie damals immer. Heute Nacht die Sicht auf den Namsan Tower und Berg, fast die Sicht aus meiner alten Wohnung. Noch einmal das Restaurant um die Ecke besucht, bei der Bestellung („ohne Zwiebeln“) schaut die Köchin aus der Küche, wiedererkannt. Nach 2 oder 4 Jahren. Im Hyatt mache ich das Licht aus. Die raumhohen Fenster geben das Panorama frei. Eine gute Wahl. Das Beste zum Schluss. Alles erledigt. Zwei Freunde nicht gesehen, einen davon aber zumindest gesprochen, neue Freunde gefunden, alte Geschichten und Freundschaften vertieft, zu viel getrunken, zu wenig gegessen. Einem Fanclub beigetreten, eine neue Sauna kennengelernt, neue Brillen, elektronischen Firlefanz und Werbegeschenke erstanden, einen Akku nicht ersetzt, einen neuen, aber fehlerhaften gekauft, eine schöne quitschegelbe Handyhülle besorgt, neue Orte gesehen und alte Wunden geheilt. Alles ist gut. Alles ist gesagt und getan.

Halt, noch nicht ganz. Ein Bäcker, vielleicht ein Pianist, ein Nengmyeon und ein letztes Temeri in meiner Lieblingssauna warten noch auf mich.

2016 ist das Jahr, in dem ich mein altes Leben hinter mir lasse. Vielleicht gibt es noch einmal ein Wiedersehen. Als Gast. Als Freund. Als Teil einer völlig anderen Welt.

In der es Leckeres gibt: Mulnengmeon, Doejigalbi, Sundubu, Ojingeo, Kimbap, Odeng, Ssundaeguk, Haemulpajeon, Jokbal, Ramyeon

Investitionen

Korea 2015/16 -6-

Manchmal blenden einen Glücksgefühle, manchmal kommt eine lang vergessen geglaubte Gewohnheit dazu, ZACK, bezahlt man das Doppelte für ein Taxi und manche Investitionen sollte man einfach machen.

Ich habe sie endlich! Zwar sieht sie etwas anders aus und ist nicht so hochwertig, aber ich bin eh nur Anfänger auf der Mandoline. Das Bargeld geht zur Neige und das passt auch irgendwie zur Zeit.

Man kann sich ja alles hinrechnen, wie man möchte, aber das haut ja auch immer irgendwie hin. 2002 kam ich nach Korea und wusste nix. Ein Jahr später gehörte ich schon zu den Erfahrenen, wieder ein Jahr später zu den Alten. Das nennt man Fluktuation. Auslandsschulstellen sind zwar (für manche Länder) recht begehrt, aber nicht lange besetzt. Das ist unter anderem der Grund, warum gute Auslandsschulen versuchen, ihre Lehrer mit allen Mitteln zu halten. Wer nicht ganz blöd in der Auswahl seiner zukünftigen Angestellten ist (und das „gute Händchen“ hat), investiert in ein Team, das im Kern gut zusammen arbeitet und wechselndes Personal integrieren und einarbeiten kann. Da ist dann eine hohe Fluktuation auf einmal ganz gut verkraftbar. Das hatten wir geraume Zeit, plus/minus max. 1-2 Leute/Jahre. Wenn man allerdings eine Schule „entkernt“ und aus fadenscheinigen Gründen die „Alten“ rausschmeißt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Dinge anders laufen, sich anders entwickeln und abhetzen. Nun, ich wurde 2011 entkernt (und nicht einmal richtig verabschiedet), das ist nach 9 Jahren zwar bitter, aber was soll man machen. Wäre freiwillig nie gegangen, aber es wurde mir auch jede Option versperrt. „Wo rohe Kräfte sinnlos walten…“ Wenn die Kinder sangen, war ich glücklich und zumindest ersteres war sogar offiziell verlangt (Rahmenrichtlinien!). Egal jetzt. FU. Gerechnet fühlte ich mich seit 2005 als Teil dieses Landes und mein Job war für mich nicht mehr nur temporär. Mit weniger als 3 Jahren gehört man auch eigentlich gar nicht richtig „dazu“. 2005 hab ich meinen ersten Großroller mal so richtig „ausgeführt“, das Land erkundet und seine Schönheit kennen gelernt. 2005 war der Beginn meiner neuen Heimat. 10 Jahre später verlasse ich sie, zerreiße die letzten Fäden. Der letzte Rest meines letzten Gehaltes aus Korea wurde heute verbraten. Oder besser: „Investiert“.

Investiert in eine „Mach-Kay-glücklich“-Zukunft, mit technischem Schnickschnack auf dem neuesten Stand und einem Musikinstrument, nein, zwei Instrumenten, die zu nutzen der Schreiber gewillt ist: Eine elektrische Ukulele, die man sogar direkt an den PC anschließen kann (sie heißt „MP3:Eleuke“) und einer blauen Mandoline, deren Vorgänger ein eher unrühmliches Ende nahm (siehe www.kaygroneberg.de/?p=264) . Der Verkäufer der Mandoline war der gleiche, bei dem es die Saiten für meine chromatische Harfe gab. Ich hatte die Visitenkarte dieses Geschäfts allerdings nur aus dem Instrumentenkoffer und das war auch Zufall. Die Harfe hatte ich geschenkt bekommen von einem Kneipier, der sie eigentlich an die Wand hängen wollte und zwar als Dekoration für seinen Irish Pub. Richard hieß der. Der Kneipier. Er überließ die gebraucht gekaufte Harfe mir. Die Musik, die durch diese Instrumente ergänzt werden soll, ist Teil meines, noch nicht real existierenden Albums „Therapie“. Oder, auf fremdsprachlich: „Therapy“. Das nicht dazu gedacht ist, Geld zu machen oder Erfolg einzuheimsen, sondern ein persönliches ist, das in erster Linie mir helfen soll, mit dem real existierenden Realdaseinismus klarzukommen.

Der wirklich letzte, relativ neue 50.000-Won-Schein (ca. 40 Euro) wurde heute angebrochen an einem Ort, den ich in den letzten Koreajahren häufig aufgesucht hatte. Weil es erstens zuhause allein zu langweilig war, zweitens ich hier bei ’nem Guinness mit meinem Laptop Wunderdinge vollbrachte (an meine ehemaligen Schüler: sämtliche Klassenfahrts-Diashows sind hier entstanden!) und ich drittens ’ne Menge Leute getroffen habe, um mit ihnen Dart zu spielen, über Musik zu sprechen oder einfach nur mit ihnen Freundschaft zu schließen. Inklusive des Chefs der Bude, des „Baby Guinness“, Richard. Ja, der, von dem ich die Harfe habe…

So viele Kreise wurden heute geschlossen. Manchmal bemerkt man das gar nicht so genau. Das fällt einem erst auf, wenn man z.B. glückselig nach einem Instrumenteneinkauf ein Taxi ruft, einsteigt, seine Heimadresse angibt und erst auf der Hälfte der Strecke feststellt, dass die gar nicht stimmt und man irgendwas vergessen hat. Z.B. den Koffer, der noch im letzten Hotel steht. Man ist plötzlich „so drin“, wie damals, als man, noch angestellt, beruflich oder/und privat im „Nagwon Sanga“ (der größten Music Mall der Welt) einkaufen war, und ich hab immer etwas gekauft, seien es auch nur Saiten für ein Instrument gewesen. Und manchmal merkt man es gleich. Wenn Instrumente, Verkäufer, Kunden, Saiten und Gründe auf einmal zusammenkommen. Und man in dem Laden steht und denkt: „Boah!“

Manche Investitionen sind durch Zufall gut, andere aus Kalkulation. Pick one, get it done. Oder eben nicht. Qualität setzt sich durch! Irgendwann, irgendwo, irgendwie.

Speisen: Ojingeo, Mulnengmyeon, Kimbap, Samgyeopsal

Endlich wieder reich und … nicht mehr

Korea 2015/16 -5-

Endlich wieder reich! Nicht auf’s Geld achten zu müssen, das ist ’ne Weile her… Jetzt stehen Millionen zur Verfügung und der Urlaub ist damit schon bezahlt! Einziger Kostenpunkt bisher war der Flug. Alles andere kommt aus dem Topf, bzw. der Tüte von vor zwei Jahren. Da hatte ich mein koreanisches Konto aufgelöst und war erstaunt, dass da noch ca. ein Monatsgehalt drauf war! Das Bündel Bargeld sollte für diesen Urlaub locker reichen. Nun, noch ist etwas da. Allerdings ist es nach 3 Brillen, 2 Instrumenten, über 100 Saiten (für die Chromharps), 2 RAM-Riegeln, einem USB/Stick (128 GB), diversen Guinnesses (die kosten jetzt 1/3 mehr als vor 2 Jahren!), einigen Saunabesuchen, ’ner Menge Taxifahrten und den vielen koreanischen Delikatessen schon recht dünn geworden.

Daher ist heute ein Ruhetag angesagt, kein Alkohol, kein teures Essen, glücklicherweise hat der nur 50m entfernte Musikmarkt (Nagwon Sanga- wo ich IMMER etwas kaufe) heute komplett zu, meine Klamotten sind in der Wäsche, ich hab eh keine weitere Hose mit. Mein Tablet nutzt die Zeit zum Updaten, ich muss auf dem koreanischen Hotel-PC schreiben, aber mein Spiel (Everquest 2, das ich auf ’nem USB-Stick mitgebracht hatte, läuft da drauf. Zeit für Tee, Vitamine, Wadenwickel und warme Füße- ja, ich habe mich leicht erkältet, wohl gestern zu wenig Klamotten angehabt nach der Sauna. Meine Mutter hätte wieder gesagt: „Du läufst ja auch rum wie ’n Sommervogel!“, wenn sie mich gesehen hätte.

Morgen geht es weiter. Die Mandoline ist dran. Meine erste Mandoline hatte ich hier gekauft, war damals glücklich wie das berühmte Honigkuchenpony. Die kam mit nach Kairo, wo sie anfangs nur als Anschauungsobjekt in der Schule herumlag. Dann meinte meine Psychoonkologin, dass Gehirnnerven sich wieder besser vernetzen, wenn man u.a. ein Instrument lernt. Mit Spaß an einer Sache arbeiten, die mich so wahnsinnig behindert hat nach der Chemo- Konzentrationsfähigkeit und Vergesslichkeit, der ganze Gehirnsumpf. Das war die Chance für das kleine blaue Instrument! Also nahm ich sie aus der Schule mit nach Hause und- lasse sie aus Vergesslichkeit unten neben meinem Roller liegen! Die Fahrt war anstrengend, man muss sich gut konzentrieren und danach
läuft immer der gleiche Film ab: Roller abdecken, anschliessen, hochgehen, ausruhen. Am nächsten Tag war sie natürlich nicht mehr da. Kurz darauf wurde der Flug nach Seoul gebucht.

Und morgen wird der Kreis geschlossen.

Leckeres der letzten Tage: scharfes Odeng, Ramyeon, Doejigalbi, Sundaecheongsik

nagwon sanga

Highway to hell

Korea 15/16 -4-

Einen Schraubenzieher, eine Umhängetasche, einen Orangensaft, 3 Putztücher, ein Putzspray, ein Etui, alles kostenlos dazu – so kauft man in Korea Brillen. Soviel Service und die Brille kostet mit den teuersten Gläsern 130 Euro. Grün heute, morgen rot oder blau oder beide- hier lohnt sich der Einkauf!

Bei Tony ist Blues Night. Meine Lippen und die Mundharmonikas brennen. Ich frage Tony nach dem alten Mann von gegenüber. Der, der immer so gemeckert hat über die Live Musik, mehrmals die Polizei rief und immer Stunk machte und Tony fast in den Wahnsinn trieb. Der hätte ja wohl jetzt so viel mehr zum Meckern: Zu meiner Zeit hier vor 4-5 Jahren war Tony der Einzige auf dem Hügel, jetzt steht hier Restaurant neben Pub, neben Restaurant, neben Shop, neben Restaurant, neben Kneipe. Tony erzählt mir, dass der Mann gestorben ist. „I killed him!“ Mit Musik, versteht sich. Und dann meint er: „Er ist tatsächlich an einem Montag gestorben, als wir Jam Night (Livemusik) hatten! Als die Sanitäter vor dem Haus standen, er für tot erklärt und eingesackt wurde, haben wir die Tür aufgemacht und „Highway to hell“ gespielt. Als letztes Dankeschön!“ Krass, diese Australier!

Es ist Weihnachten. Die Leute stehen Schlange. Überall. Die Koreaner haben längst die Itaewon für sich entdeckt. Eines freut mich sehr: Vor einigen Jahren entschied sich mein Computer-Reparaturmann, dass es reicht mit PCs und Laptops, die Ausländer sind undankbar, wenn etwas nicht klappt, Koreaner gingen woanders hin. Es lief schlecht, also beschloss er, ein Restaurant aufzumachen. Aber nicht direkt auf der Itaewon, sondern in der 2. Reihe, die wäre zwar etwas abgelegen und eher wenig beachtet, aber es würde schon gehen. Einziges Restaurant war, direkt daneben, ein Burger-Laden, wo die Leute Schlange ständen, weil die mal irgendwann im Fernsehen erwähnt wurden. Bei ihm würden sie mal reinkommen, um auf die Toilette zu gehen, aber sonst wäre nicht viel los. Ich konnte ihm da nicht helfen, ich mag Teigtaschen (Mandus) nicht so sonderlich gerne. Ich dürfe aber trotzdem weiterhin meine PC-Angelegenheiten zu ihm bringen. Habe ich auch, bis zum Schluss, er hat die speziellen Konfigurationen meines Gamer-PCs immer gut verstanden und konnte mir meistens helfen. Heute will ich ihn besuchen und finde den Laden erst nicht- es stehen 25-30 Leute davor! Der Laden brummt, alles Koreaner in der Warteschlange. Ich freue mich sehr, das hat er verdient! Die zweite Reihe der Itaewon hat jetzt mehr Kneipen und Restaurants als die Hauptstraße. In den Burger-Laden nebenan gehen die Leute höchstens mal wegen der Toilette.

Essen gestern und heute: King Crab, Pho mit Tom Yum, Ramyeon, Odeng

Jet Lag

Korea 15/16 -3-

Schlaflosigkeit hat auch seine guten Seiten. So lief es beruflich zuletzt ja eher beschissen in den letzten Wochen: Schlaf, wo er nicht hingehört und abwesend, wenn man ihn braucht. Durchwachte Nächte und Tage zum Wegschmeißen. Aber man hofft ja immer. Und spätestens mit der Urlaubszeit sollte es doch endlich wieder klappen. Zumal die 8 Stunden Zeitverschiebung mir doch entgegenkommen sollten. Endlich wieder in einen anständigen Tag-Nacht-wach-Schlaf-Rhythmus kommen, wieder zurechtrücken. Das funktionierte im Flugzeug schon ganz gut, chemie-unterstützte 6h Schlaf und gestern ein ereignisreicher Tag. Und dann kam die nächste Nacht.

Nach 11 Stunden Tiefschlaf sagt mein augenverschmierter Blick auf die Uhr, dass hier etwas nicht stimmt. Zwei Stunden später schlafe ich im Saunabereich wieder ein und spätestens da ist klar, dass ich mich verrechnet habe. Seoul liegt 8 Stunden voraus in der Zeit. Meine Müdigkeitszeiten lagen nie in der Seouler Nachtzeit, eher am Nachmittag. Der Rhythmus wurde nicht verbessert, nur verlegt. Tiefstes Jet-Lag.

Jetzt ist es 19:00 Uhr und ich kann kaum geradeaus schauen. Dabei wollte ich doch heute meine Kneipentour beginnen- die „guten alten“ Plätze aufsuchen, die so gute Erinnerungen wachrufen…

Vielleicht morgen. Wehe nicht!

Essen heute: Mulnengmyeon 😉

Danke, Millennium Falcon!

Korea 2015/16 -2-

Wer ihn schon einmal hatte, kann annähernd verstehen, was ich seit 2 Jahren durchmache: den realen Traum. Der Traum, der so real ist, dass man nach dem Aufwachen erstmal verwirrt ist und das Gefühl hat, etwas zu beenden oder noch zu sagen. Noch realer. Dass man das Nichtgesagte im Wachzustand weiter spricht und der Traum nicht mit einem Aufschrei beendet ist. Noch realer. Dass man sich mit lang verstorbenen Menschen unterhält und sich fragt, warum man das nicht schon längst gemacht hat und dann sogar Gründe findet. Noch realer. Dass man einen Ort besucht, den man gut kennt, wo es ganz normal ist, nichts Besonderes, nichts Großes. Und wieder fragt man sich, warum man diese Speise, die man so sehr mag, so lange nicht gegessen hat. Nur schnell hinfahren und dieses Mulnengmyeon endlich essen! Man hat den Geschmack auf der Zunge und man ist sich traumhaft sicher, dass das kein Traum sein kann. Denn der Geschmack ist echt und man findet Gründe, nachvollziehbare Gründe, warum es bisher nicht geklappt hat. Und man nimmt sich vor, das so schnell wie möglich zu wiederholen. Man lebt den Traumfilm weiter und es gibt weitaus Wichtigeres im Drehbuch, die Storyline geht weiter. Und am nächsten Morgen realisiert man, wo man ist und dass man wieder diesen Traumhunger hat.

Da sitze ich am Tisch und muss mich davon überzeugen, dass ich jetzt WIRKLICH Mulnengmyeon vor mir habe! „Mulnengmyeon hana, yuksu mani, gojujang pego, tschusseo!“ – obwohl die Bestellung gar nicht nötig ist, die Frau am Thresen hat mich, auch 2 Jahre nach meinem letzten Besuch, längst erkannt und die Bestellung bereits in die Küche gegeben, bevor ich mit meinen Koreanisch-Kenntnissen prahlen kann. Ich würze es halbscharf. Das ist doppelt so scharf wie mehr als die Hälfte aller scharfen Speisen der deutschen und etwas weniger als drei Viertel der als scharf geltenden Speisen der koreanischen Küche. Dafür ist das Restaurant berühmt und um die Mittagszeit stehen die Leute Schlange, um hier zu essen. Dann geht es aber auch ratzfatz, auf einen meiner Essensgänge kommen 3-4 Koreaner. Ich kenne es seit 10 Jahren und komme um kurz nach 11, bleibe ’ne Stunde. Eine Kollegin, deren Name hier nicht genannt wird und die als Halbkoreanerin scharfe Speisen gewöhnt ist, war damals, als wir hier waren, leicht überfordert. Trotz meiner Warnung bestellte sie die „normale“ Version des Nengmyeons (Buchweizennudeln) mit Gojujang („godjudjang“ – scharfe Chilli-Paste). Nach einer Stunde Vergewisserung, dass es heute echt war, traue ich mich, das Restaurant zu verlassen. Und komme morgen wieder. Oder so.

Das bereits in Kairo schriftlich festgehaltene Tagesziel ist heute ein Spaziergang in Richtung meiner alten Wohnung. 2-3 km werden es sein, hab das nie so genau nachgemessen. Vielleicht weniger. Aber bergauf. Es sind Minusgrade, es sollen, laut Wetterbericht, die ersten im Dezember sein. Sie tun mir gut und ich gehe durch einen Teil des Namsan-Parkes, in dem ich noch nie war. Auch hinter meiner alten Wohnung gibt es etwas Neues zu sehen, was ich immer erahnt hatte, aber nie hinkam: ein kleines Tempelchen hinter einer Kirche. Früher stand hier ein Hüttchen einer alten Frau, die sind weg und der Tempel, inklusive Grabsteins, bietet Sitzmöglichkeiten mit Aussicht auf die heute neblige Nordstadt. Auf dem Weg werde ich fast überfahren- von einer im Polizeiauto sitzenden Polizistin! Das wäre ein offizieller Tod! Aber ich gewinne und sie bremst.

Auf, ins Kino! Star Wars 7 wartet im 4DX-Kino auf mich. Vorher noch aufs Klo. Da möchte ich gleich wieder aufspringen, denn es läuft „Last Christmas“ über die Lausprecher! Das erinnert mich an meine lieben koreanischen und deutschen Schüler, die sich damals einen Witz erlaubten und mir damit zu schrecklichen Pausenaufsichten verhalfen. Denen hatte ich aus meiner Studentenzeit erzählt und dass ich das Lied deshalb hasse, weil eine Mitstudentin übers Wochenende ihren CD-Spieler mit diesem Lied in Dauerschleife hatte laufen lassen (sie selbst war nach Hause gefahren) und ich dem erst am nächsten Tag mit dem Entfernen der Flurhauptsicherung ein Ende bereiten konnte. Daraufhin erstellten die lieben Schülerlein eine Zusammenstellung sämtlicher existierender „Last Christmas“-Versionen, die sie finden konnten und legten das in der Weihnachtszeit als Pausenmusik ein. Kein Entrinnen! Nicht alles war damals gut! Böse Schüler!

Im 4DX-Kino erwarten einen 3D, bewegte Stühle, Wasserspritzer und Luftstöße direkt ins Gesicht und regelrechte Windmaschinen, die Stürme oder schnelle Fahrten unterstützen- also das Richtige für „The Force Awakens“. Alles super, tolle Action, Aliens und Lichtschwerter, okay, auch mit Chewie muss man sich wieder abgeben, aber im Großen und Ganzen kurzweilige Unterhaltung. Bis kurz vor Ende der amerikanische Teenager neben mir eine unhör- und -sichtbare Todessternsalve von Krallenfurz rauslässt! Ich denke zunächst an einen Filmeffekt, aber die Heftigkeit reißt mich in die Realität zurück. Kurz vor dem Hochklappen der Augen und dem danach folgenden Stinkkoma erlöst mich der „Millennium Falcon“. Denn der fliegt los und dreht sich mit seinen Antriebsstrahlen dem Publikum zu, das daraufhin mit einem Windstoß bedacht wird- alles weggeblasen, die Krallen des Furzes haben keine Chance gegen die Windkanone. Danke, Millennium Falcon! Mein Leben konntest du heute retten!

Zum Abschluss des Tages lerne ich endlich den Namen meines Friseurs kennen, den ich seit fast 10 Jahren mit „Herr“ anrede: Hong. Mr.Hong, angenehm, Mr.Kay. Er schneidet mein Babyhaar, nach 5 min ist er fertig. Ratzfatz. Nur in Korea: Nackt beim Friseur sitzen und sich mit Rasiermesser und Bindfaden die Haare vom Hals und aus dem Gesicht entfernen lassen. Ich liebe das Djimjilbang!

Essen heute: Mulnengmyeon, Chickenstick, Odeng, Yukgaechang

mulnengmyon15

Eine Zeitreise

Korea 2015/16 -1-

Weihnachtszeit 2015 und ich bin endlich wieder in Korea! Was hab ich mir nicht alles vorgenommen… Bin gespannt, wie es wird. Bisher läuft alles.

Nur sehr kurzer Aufenthalt in Istanbul, ich steig aus dem Kairo-Flieger aus, einmal übern Flughafen, in den Seoul-Flieger hinein. Ob das Gepäck (13,5kg, Tasche in Koffer) das auch in der kurzen Zeit schafft? In den 3xDreierreihen bekomme ich nen Mittelplatz, DAS hab ich mit Sicherheit NICHT bestellt. Aber es ist, wie immer nach Korea, alles voll, nicht mal der Ami, dessen Bildschirm nicht geht, kann umgesetzt werden. Arme Sau, 9h Flug und kein Entertainment. Hätte er glatt mit meinen Sitznachbarn tauschen sollen: Der Koreaner-Klassiker- reinsetzen, essen, durchschlafen. Ich werfe nach dem Essen ne Schlafpille ein, wache wieder auf, als noch 50 Minuten zu fliegen sind- perfektes Zeitmanagement! Jedoch ist mein Hals jetzt steif, werde eine Massage brauchen.

Passkontrolle geht fix und auf dem Band kommt mir mein Koffer entgegen. Flutsch! Handy-SIM mit freiem Datenvolumen, 44.000 Won für 18 (30) Tage, die Verbindung ist schneller als mein Schlauphone! Flutsch! Telefonkosten sind überschaubar, nicht sehr günstig, aber nach Deutschland kostet’s nur unwesentlich mehr. Tickets für den Flughafenzug, Zug kommt, aussteigen in der Seoul Station. Flutsch!

Raus aus dem Bahnhof, über die Straße, erster Straßenstand: Odeng, lecker wie ich es kenne, die Brühe schmeckt, meine Geschmacksnerven haben die Zeitreise schon getan. Erster Weg ins SILLOAM, das Djimjilbang meines Herzens. Nach dem ersten Schritt hinein bin ich wieder im Jahr 2010. Zwar gibt es neue Klamotten (neben weiß auch noch braun, was ich diesmal trage), aber der Mann an der Kasse ist der gleiche. In der Männerabteilung bedienen zwei Männer, die ich auch von früher kenne. Einer erkennt mich wieder und gibt mir nen Schlüssel im 600er Schrank-Bereich, wie früher. Im Feuchtbereich kenne ich die Hälfte aller Gäste, der Masseur ist der gleiche. Sein Knoblauchgeruch ist immer noch so wie früher. Die Sports Massage tut auch immer noch so weh. Das fällt mir aber erst während der Behandlung auf und ein.

Ich sitze im Heißbecken und es kommt mir vor, als käme ich gerade aus der Schule, um hier runter zu kommen. Draußen steht mein Roller und morgen… Nein, es ist 2015 und NICHTS erinnert daran, dass ich gerade einen 9h-Flug aus Istanbul, nach nem 3h-Flug aus Kairo, hinter mir habe. Dass 4 Jahre seit meiner Zeit hier, 3 Jahre seit meiner Krankheit und 2 Jahre seit meines letzten Besuches vergangen sind. Irgendwie gruselig. Und schön.

Essen heute: Odeng, Miyokguk

Ein ganz normales Leben

Er wünscht sich
Luft zu atmen,
die gut riecht und gut schmeckt
und in der Nacht
ist sie still

Sauberes Wasser,
das man ohne Filter trinkt
und das immer kommt,
wenn man will

Schnee im Winter,
aber nicht auf der Straße,
im Herbst bunte Blätter
im Wald

Sterne zu zählen
in der Mittsommernacht
Und im Warmen zu sein,
ist es kalt

Er wünscht und er wünscht und
Wünscht er sich zu viel?
Das könnt es doch ganz einfach geben!
Ein ganz normales Leben

Er wünscht sich
Menschen zu treffen,
die er versteht,
und Menschen, die ihn
verstehn

Familie zu leben
und alle mindestens
einmal die Woche
zu sehn

Mit Freunden zu treffen
zum Kino, zum Bier
wo man jedes Wort
auch so meint

Der Person zu begegnen,
mit der man alles teilt
die Seelen verbunden,
vereint

Er wünscht und er wünscht und
Wünscht er sich zu viel?
Warum sollte es das nicht geben?
Nur ein ganz normales Leben

Er wünscht sich
Einzuschlafen,
wenn der Kopf es erlaubt
ohne, dass ihn die Angst
darum bringt

Durchzuschlafen,
wenn der Körper es will
und ohne, dass man ihn
dazu zwingt

Wieder Haare zu haben,
wo man sie braucht,
und, wie früher,
einen klaren Verstand

Die Haut zu spüren
an jeder Stelle
und das nicht nur
unter eigener Hand

Er wünscht und er wünscht und
Wünscht er sich zu viel?
Kann es das nicht ganz einfach mal geben?

Nur ein ganz normales Leben

kg 181015